twitterfacebookgooglexinglinkedin

Taschentücher mit Häkelspitzen – altmodisch? oder stilvoll?

Taschentücher mit Häkelspitzen – altmodisch? oder stilvoll?

Ich habe in den letzten Tagen meiner Großmutter geholfen, Ihr Nähzimmer auszuräumen. Sie hat mir allerlei unerwartete Dinge gezeigt. Dies fing mit einer noch handbetriebenen Nähmaschine, mit Handkurbel und fast 100 Jahre alt. Dann zeigte sie mir Stickrahmen in verschiedenen Größen, gröbere und feinere Stoffe, dickere und dünnere Garne, Seide, Leinen, Baumwolle, Jacquard, Damast und Brokat, dicke und dünne Nadeln mit großer und kleiner Öse. In der nächsten Schublade rollten Stricknadeln und Häkelnadeln, und noch eine Schublade tiefer verbargen sich echte Meisterstücke: Taschentücher mit filigranen, gehäkelten Spitzen. Ich wollte meinen Augen nicht trauen.

Meine Großmutter erklärte, so vertrieben sich ihre Mutter, also meine Urgroßmutter, und deren ältere Schwester die Nachmittage bei schlechtem Wetter. Sie versuchten einander zu übertreffen und sich immer kompliziertere Muster und Spitzen auszudenken. Es kostete sie Stunden, um eine Reihe oder ein Röschen zu häkeln. Ihre Tanten liebten diese Tüchlein, zwar benutzten sie sie unbedingt zum Naseputzen, aber es gehörte zum guten Ton, sich die Nase oder den Mund nach einem Schluck Kaffee und einem Stück Torte wischen zu können.

Dabei kam mir der Gedanke, dass unsere Generation wohl eher ein Büro oder ein Computerzimmer anstelle eines Nähzimmers hat. Wir und unsere Kinder vertreiben uns eher die Zeit mit kurzweiligen Sachen, z. B. Sudoku, Facebook oder Computerspiele. Zwar sitzen auch wir stundenlang still, aber mit welcher Geduld und Ausdauer haben sich unsere Urgroßmütter tagelang über ihre Handarbeiten gebeugt, sich die Finger zerstochen, aufgepasst, dass die Maschen gleich sind, öfters auch Stunden zäher Arbeit wieder aufgezogen, weil sie einen Fehler entdeckt hatten. Dies ist wahrlich eine Fertigkeit, die mehr und mehr verloren geht. Die Taschentücher sind vielleicht unseren hygienischen Ansprüchen  zum Opfer gefallen und von Tempos und Kleenex verdrängt worden. Aber was hat das Häkeln selbst verdrängt?

Der Kommentar der finnischen Olympia-Mannschaft Anfang dieses Jahres hat mir  Freude bereitet, sie stricken, weil es entspannt. Häkeln sicher auch. Vielleicht sogar mehr als Facebook.

Cornelia Forster

Written by editor