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Vielseitigkeit mancher Wörter

Vielseitigkeit mancher Wörter

Eigentlich ist nichts los

Nun haben wir die Feiertage wieder geschafft. Eigentlich war es ganz schön. Der erleuchtete Weihnachtsbaum, Familie, Freunde, Geschenke… Geschenke brauche ich eigentlich nicht mehr. Welche Verrücktheit praktizieren wir da eigentlich jedes Jahr? Überall hören und sehen wir, dass die Armut in der Welt ungeahnte Ausmaße erreicht und wir ziehen los und hauen unser ganzes Geld für Weihnachtsgeschenke auf den Kopf? Wir wollen den anderen eine Freude machen, sagen wir. Und eigentlich wissen wir aber um zigtausend anderer Möglichkeiten, den uns wichtigen Menschen eine Freude zu machen. Nehmen wir uns eigentlich noch Zeit füreinander? Hören wir uns noch zu? Oder ist das eigentliche Ziel, aus dem Angebot dieser Welt ein Maximum für sich selber herauszuziehen?

Frohes neues Jahr, liebe Leser. Ihr seht: Ich habe während der Feiertage Gelegenheit gehabt, so manchem Gespräch zu lauschen und bin dabei wieder einmal über ein Wort gestolpert: Eigentlich.

Manchmal zeigt es sich als Adjektiv, in anderen Sätzen als Adverb oder auch als treues Partikel. Unter Wiktionary.org kann nachgelesen werden, wie bunt es das Wort „eigentlich“ treibt. Auch der Duden gibt Aufschluss. Mir selbst ist über Weihnachten und Silvester aufgefallen, wie dieses Wort Unsicherheiten, Fragezeichen und auch leichte Verwirrtheit beim Zuhören auslösen kann.
„Wie findest du mein neues Kleid?“ – „Eigentlich ganz schick.“ Äh. Ja. Und uneigentlich?

„Ist alles okay?“ – „Eigentlich schon.“ Oh oh! -  Hat da jemand durch zuviel Familie vielleicht schon schlechte Laune?
Einige Fragen können gegen Ende der Feiertagsreihe ein „eigentlich“ nicht wirklich vertragen: „Liebst du mich eigentlich noch?“ – „Was soll’n DAS jetzt?“
Man hört Sätze wie „Eigentlich war die Ente immer viel knuspriger“ (gemeinsames Essen am 24.12.) und „Eigentlich brauch ich das alles hier nicht“ (Aufräumen nach dem gemeinsamen Essen am 26.12.).

Man sieht: Das Wörtchen „Eigentlich“ bringt den weihnachtlichen Zündstoff erst richtig zur Geltung. Man redet, doch eigentlich wird nichts gesagt. Und die Frage, ob das neue Kleid nun schick ist oder nicht, kann ich mir letztendlich nur selbst beantworten. Happy New Year, liebe Gemeinde!

Christine Wolter

Written by editor