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Die etwas andere Diskussion

Die etwas andere Diskussion

Papst Franziskus und die Übersetzung des Vaterunsers ins Deutsche

Er betet auf Spanisch und Latein, steht einer christlichen Konfession vor, die bis 1980 keine kirchlich approbierte Übersetzung der Bibel in unsere Muttersprache hatte und sorgt im italienischen Fernsehen für eine Diskussion über die deutsche Übersetzung des Vaterunsers.
Kein anderer als Papst Franziskus ist gemeint.
Wie viele andere bin auch ich überzeugter Fan des Argentiniers, denn er spricht offen über all die korrupten, verstaubten, überholten und finanzpolitisch hochbrisanten Themen der katholischen Kirche. Doch das mit dem deutschen Vaterunser – das kommt mir irgendwie komisch vor.

Papst Franziskus sagt, dass der Vers „Und führe uns nicht in Versuchung“ (so heißt es in der deutschen und italienischen Version des Vaterunsers) „keine gute Übersetzung“ sei, denn ein Vater mache so etwas nicht. „Wer dich in Versuchung führt, ist Satan“, sagt er in einem Interview mit einem italienischen Fernsehsender. Es solle besser heißen „Lass mich nicht in Versuchung geraten.“ Für moderne Christen mit ihrer Sehnsucht nach einem widerspruchsfreien Gott mag das logisch klingen. Doch damit würde Franziskus auch eine 1700-jährige Übersetzungstradition auf den Kopf stellen. Aber, na ja, im Auf-den-Kopf-stellen ist er gut, der Franziskus, und dafür lieben wir ihn auch. Und die Franzosen haben ihren Text ja auch schon geändert („Et ne nous laisse pas entrer en tatation“).

Gott soll also bei der Versuchung keine aktive Rolle spielen. Sprachhistorisch betrachtet, kam seit der frühen Neuzeit kein Übersetzer auf die Idee, das Gebet umzudichten. Weder der gotische Bischof Wulfila, noch die Übersetzer der althochdeutschen Fassung des 9. Jahrhunderts. Auch bei Martin Luther heißt es in der letzten Ausgabe vor seinem Tod: „Vnd füre vns nicht in versuchung.“
Ich finde, dann sollten wir den lieben Gott doch einfach so nehmen, wie er ist und nicht versuchen, ihn durch neue Übersetzungen zurechtzubiegen. Niemand ist frei von Fehlern. Auch der liebe Gott nicht. Wie sympathisch.

Chrsitine Wolter

Written by editor