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Anglizismen

Anglizismen

Ein Nice-To-Have

Neulich hat mich ein Kunde für ein Text-Briefing mit an den Ort genommen, den es zu betexten gilt. Da er bereits ein langjähriger Kunde ist und wir uns gut kennen, war es für mich in Ordnung, dass er die komplette Autofahrt lang mit einem Geschäftspartner telefoniert hat. So konnte ich aus dem Fenster schauen und die Landschaft genießen.

Und nicht nur das: Mein Kunde ist u.a. Marketing-Experte und die von ihm während des Telefonates genutzten Anglizismen wurden zu einem wahren Ohrenschmaus für mich! Was für Begriffe! Ich dachte, durch meine Arbeit so einigermaßen up-to-date zu sein – doch mitnichten, liebe Freunde, mitnichten! Während des Telefonates wurde der Satz „das ist dann lediglich ein Nice-To-Have“ zum gekrönten Lieblingssatz für mich. Ein Nice-To-Have kann ja irgendwie alles sein, auf jeden Fall ist es etwas Gutes, aber anscheinend auch nichts zwingend Erforderliches. Überhaupt geht in der Marketing-Welt alles ziemlich „nice“ zu – das freut mich für die Kollegen. Auch fand ich es schön, wenn mein Kunde etwas „catchy“ fand. Da schien eine treffende Formulierung ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Oft liest man ja, dass „Denglish“ nur Imponiergehabe sei. Ich dachte das auch, aber jetzt denke ich das nicht mehr. Denn meine Kunde hat das gar nicht nötig und ich glaube tatsächlich, dass die von ihm genutzten Anglizismen immer genau ins Schwarze getroffen haben und genau das ausgedrückt haben, was er transportieren wollte. Da sind nicht nur Rückschlüsse auf den Sprecher, sondern hauptsächlich auf unsere Welt, in der wir leben, zu führen. Neunjährigen Kindern entschlüpft schließlich auch ein „Das ist voll nice!“ (als ich neun Jahre alt war, gab es maximal „toll“ – „geil“ durften wir nicht sagen, ging gar nicht) oder „Das ist safe“. Jedenfalls habe ich mich im Zuge dieser Autofahrt ins Internet gestürzt, um ein bisschen etwas über Anglizismen zu lernen. Beim „Anglizismus des Jahres“ war ich enttäuscht. Ich ging bis zum Jahre 2011 zurück und stieß natürlich auf Begriffe, die politisch, journalistisch und allgemein medientechnisch in aller Munde waren und sind, die aber mit dem alltäglichen Sprachgebrauch nur wenig oder gar nichts zu tun haben, das sie alle themengebunden sind.
Ich werde mal auf die Denglish-Sprecher aus Marketing und Vertrieb ein Ohr werfen und sprachlich analysieren. Die Ergebnisse teile ich dann gerne mit und vielleicht trefft ja auch ihr auf den einen oder anderen Nice-To-Have-Anglizismus und schickt ihn mir zu. Ich nehme ihn dann gerne in meine Liste auf. So long, liebe Leute.

 

Christine Wolter

Written by editor