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Nackenhaare und so

Nackenhaare und so

„Ich fande …“

 

Heute mal was Persönliches. Eigentlich bin ich ein toleranter Mensch und ich kann mich inmitten von Menschen, die ganz anders sind als ich, und die auch alles ganz anders machen als ich, total wohl fühlen. Ich darf mich nur nicht gezwungen fühlen, sein zu müssen, wie die anderen – will sagen: Die anderen dürfen ganz anders sein, und ich will es auch sein dürfen. Ich finde, dann läuft’s. Da dies aber ein Sprachenblog ist, kann ich in das Thema um Toleranz, Ausgrenzung und Andersartigkeit leider nicht tiefer einsteigen. Wer sich diesbezüglich weiterbilden möchte (und vielleicht sollte?), braucht aber nicht ohne eine Buchempfehlung nach Hause zu gehen: Das von Kathryn Cave und Chris Riddel herausgegebene Buch „Irgendwie Anders“ öffnet nicht nur Kindern die Augen („Auf einem hohen Berg, wo der Wind pfiff, lebte ganz allein und ohne einen einzigen Freund Irgendwie Anders.“ ….. Welch ein Einstieg!).
Ich merke, wie meine sprachliche Toleranz bei genau zwei Phänomen, die ich zur Zeit wieder geballt aus vielen Kindermündern höre, unter Höchstbelastung zusammenbricht und mein Wunsch, NICHT gleich den Korrekturstift zu zücken mit dem in Nord-Deutschland fallenden Regen dahinfließt: „Drinne“ und „fande“.

„Drinne“ ist nicht nur bei Kindern ein erschreckend häufig vorkommendes Phänomen. Auch Erwachsene – darunter übrigens auch Lehrer – sagen „Drinne“ statt „Drinnen“ und, ja, ich kann es nur ganz schlecht hören. Es ist schlichtweg falsch und hört sich auch noch fürchterlich an. Noch weniger ertragen kann ich aber „fande“. Heute gab es bei einer Ferienwochen-Abschlussrunde für Kinder zwischen 4 und 12 Jahren die Möglichkeit zu sagen, was toll und was doof war. „Ich fande … das Basteln ganz toll.“ „Ich fande …. das Feuermachen ganz toll.“ „Ich fande …. das Singen ganz toll.“ Beim vierten Kind brach es aus mir heraus und ich hörte mich sagen „Fand! Es heißt fand! Es heißt nicht fande!“ Meine Selbstkontrolle war dahin und ich fühlte mich als Retterin eines Miniatur-Teils der deutschen Sprache. Kurze Stille, Augen, die mich  anblitzten, und dann ging es mit der Kritik-Runde weiter. „Ich fand … die Nudeln heute toll.“ Bingo!
Versteht mich bitte nicht falsch: Kinder müssen auch plappern dürfen. Ständiges Verbessern verhindert den Sprachfluss und besonders in den ersten Sprachlehrjahren sind Kinder diesbezüglich auf erwachsene Sensibilität angewiesen. Bei „Drinne“ und „fande“ mache ich eine Ausnahme. Ihr dürft. Konsequent. Und bei „Dingenskirchen“ am besten auch.

 

 

 

Christine Wolter

Written by editor