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Gehörtes und Gefühltes

Gehörtes und Gefühltes

Taufpaten

Ich sinniere gerade über das spanische Wort „comadre“ nach. Ich bin eine comadre und werde oft so angesprochen. Denn mein Patenkind ist ein wundervoller deutsch-peruanischer Junge, dessen Mutter sich meines Vornamens scheinbar nicht mehr erinnert und mich nur noch mit „comadre!“ anspricht. Ein deutsches Wort gibt es nicht für die aus Elternsicht benannte Patin (span. madrina) des eigenen Kindes, bzw. aus Sicht der Patin benannte Mutter des Patenkindes. „Comadre“ kann auch verwendet werden für comadrona, also Hebamme. Das allerdings trifft in meinem Fall nicht zu. Es gibt übrigens auch einen „compadre“, der Pate (span. padrino) eines Kindes aus der Sicht der Eltern, bzw. der Vater des Patenkindes aus Sicht des Paten.

Sucht man nach Übersetzungen von „comadre“ sind kaum welche zu finden. Da der Begriff unter den Frauen eines Dorfes auch als Art „Kumpanin“ verwendet wird, sind Shakespeares „Lustige Weiber von Windsor“ im Spanischen „Las alegres comadres de Windsor“. María Moliners Beispiel „Allí hay una reunion de comadres“ beschreibt einen Haufen Frauen, Freundinnen oder Nachbarinnen, die – um es mal Norddeutsch auszudrücken – am Schnacken sind. Ein sympathisches Wort also.

Was mir am meisten auffällt, ist die meist sehr liebevolle und enge Beziehung zwischen Patenkind und Pate bzw. Patin, wenn der Begriff „comadre“ oder „compadre“ im Leben des Kindes eine (sprachliche) Rolle spielt. Nun wissen wir alle, dass „La familia“ im spanischen oder lateinamerikanischen Umfeld sowieso einen anderen Platz einnimmt als beispielsweise in Deutschland. Aber mir scheint, dass das Vorkommen der Wortbestandteile „madre“ bzw. „padre“ mit den Patenkindern etwas macht. Die Begriffe vermitteln Nähe und Vertrauen. Und vielleicht fühlen sich auch die als comadres/compadres angesprochenen Paten anders eingebunden als der deutsche Pate, der zwar der „pater spiritualis“ bzw. patrinus, also der geistliche Vater ist, aber dem Lateinischen ja – wie die meist kleinen Täuflinge – eher fern.
Wie wäre es mit einem geistlich-theologischen Wortschöpfungs-Brainstorming für „Taufpate“ und „Taufpatin“? Begriffe, in denen Vater und Mutter nicht alt- sondern neusprachlich auftauchen? Gibt es die vielleicht sogar schon und sind mir durchgerutscht? Auf jeden Fall könnte in Deutschland eine ganz neue Ära von Patenkind-Taufpate-Beziehungen entstehen, die über das Päckchen zum Geburtstag deutlich hinausgehen.

Christine Wolter

Written by editor