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Sprache in Konflikten

Sprache in Konflikten

Bitte ohne Emotionen

Oft schreibe ich über die Authentizität von Sprache. Über meine Verwunderung darüber, dass besonders die Menschen, denen wir täglich zuhören und deren Wort etwas gilt in unserer Welt, Kommunikationsberater sämtlicher Couleur beschäftigen, um in jedem Moment das vermeintlich Richtige zu sagen und zu schreiben. Ganze Reden werden Politikern und Aufsichtsratsvorsitzenden in den Mund geschoben, damit die Bereiche, in denen es zwickt und zwackt unkenntlich bleiben.

Nun hat ein deutsches Magazin ein Extra-Heft herausgebracht, in dem es um die „Kunst zu streiten“ geht. Psychologen, Mediatoren, Wissenschaftler und Kommunikationsberater wurden für dieses Heft interviewt, Artikel über die neuesten Erkenntnisse zu Konflikten & Co. sind geschrieben worden, 5-Schritte-Tipps werden gegeben, um einen Streit nicht eskalieren zu lassen und – last but not least – kann auch nachgelesen werden, wie wir unseren Ärger, unsere Wut und Verzweiflung verbal auszudrücken haben, damit es nicht zu gravierenden Partnerschafts-Problemen kommt oder unsere Kinder lernen, dass Konflikte nötig, aber keinesfalls heftig sein müssen.
Nun möchte ich an dieser Stelle nicht missverstanden werden: Ich habe das Heft mit großem Interesse gelesen und empfinde so manches als durchaus aufschlussreich und auch richtig. Aus sprachlicher Sicht, fallen mir nur wieder einmal die Tipps der Experten auf, die ein „so sollten Sie es besser nicht sagen“ und „so sollten Sie es sagen“ formulieren. Überspitzt gesagt: Wir sollen in einer akuten Konflikt-Situation sprachlich auf keinen Fall so reagieren, wie wir gerade empfinden. Weder bei unseren Kindern, noch bei unserem Partner, auch nicht im Büro und schon gar nicht in der Politik. Besonders auffällig erschien mir an einer Stelle die Erkenntnis eines Konflikt-Managers, dass das über Jahre plädierte „Ich“ nun gar nicht mehr richtig ist. Immer wurde uns gesagt, wir sollten im Streit unbedingt von „uns“ sprechen: „Ich fühle …“, „Ich denke …“, „Bei mir kommt es so an, als ob …“. Auf keinen Fall „Du“! Das ist jetzt nicht mehr so. Jetzt sollen wir doch „Du“ sagen, aber eben auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Beim Lesen des Heftes wurde mir klar, dass ich kläglich scheitern werde und sowohl mein Kind, wie auch meine Freunde und meine lieben Kollegen mich schlicht und ergreifend so kennen, wie ich bin.

Christine Wolter

Written by editor