twitterfacebookgooglexinglinkedin

Dialekte

Dialekte

Sprachlich passend zur Umgebung

 

Als Übersetzerin und Texterin genieße ich es, in sprachliche Abenteuer einzutauchen, wo immer sich sich mir bieten. Und dabei muss es sich nicht unbedingt um professionellen Poetry Slam, eine Autoren-Lesung oder ein klassisches Drama auf großer Theaterbühne handeln. Manchmal reicht schon der Besuch in einem kleinen nordfriesischen Dorf, um insbesondere die Verbindung zwischen Sprache, Umgebung und Lebensinhalte zu erkennen. Ich war in so einem Dorf und das Zusammenspiel der Höfe, der Menschen, Tiere und Gerüche benötigte nur noch eins: Die plattdeutsche Sprache. Der Klönschnack spiegelte sich in den Augen der Landwirte wieder, die Rufe über den Acker konnten sich nur so anhören, wie sie sich anhörten, damit Kühe wie Pferde oder auch Nachbarn reagierten. Das „Moin!“ musste ein Moin sein und keinesfalls ein „Hallo“ oder ein „Guten Morgen“. Das wäre aus dem Rahmen gefallen und hätte für allgemeine Verwirrung gesorgt. Wenn es um Heu, Trecker, Schweine oder Ernteergebnisse geht, darf in dieser Umgebung nur auf Plattdeutsch davon berichtet werden. Selbst wir Besucher fingen irgendwann an, Platt zu schnacken – ohne es zu können. Aber sonst wären auch wir aus dem Rahmen gefallen. Stelle ich mir nun einen Szenenwechsel vor und sitze mit einer Gruppe Geschäftsmännern in einem hippen Hamburger Café, käme mir in dieser Gesprächsrunde wiederum der nordfriesische Dialekt befremdlich vor. Moderner Anzug, Krawatte, frischer Haarschnitt und Latte Macchiato in einer chilligen Lounge – hier stützen sich die sprachlichen Rahmenbedingungen auf mit Neologismen geschwängerten Start Up-Geschichten, von denen ich  – ähnlich wie bei den nordfriesischen Alltagsgeschichten – nur die Hälfte verstehe. Und wenn wir ganz genau hinhören, wird uns bewusst, dass Pferdenarren, Modedesigner, Musiker oder Sozialpädagogen ihre jeweils ganz eigene Sprache haben – sofern sie in dem, was sie machen, wirklich zu Hause sind und Leidenschaft dafür empfinden. Dann passt einfach alles zusammen und der Mensch ist glaubwürdig in dem, was er sagt und tut. Glaubwürdig und authentisch.
Weniger Kommunikationsgurus und mehr echte Hingabe – könnte klappen. Irgendwie.

Christine Wolter

Written by norak