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Lexika

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Der Große Brockhaus, der Große Polt

Ob man ihn braucht, den Großen Polt, weiß keiner so genau. Der Kabarettist Gerhard Polt weiß es wohl am allerwenigsten. Ihm persönlich ist der Hype, der ständig um seine Geburtstage gemacht wird, eh viel zu viel. Den 70. Geburtstag gerade mal geschafft, kam nun der 75. und mit ihm die Veröffentlichung des „Großen Polts“, einem Lexikon zum besseren Verständnis des verqueren Humors und der Wortschöpfungsqualitäten des Autors, Kabarettisten und Schauspielers.
Von A wie „Abfent“ (Advent) bis Z wie „Zwischenwirt“ – gemäß Polt die eigentliche Bestimmung menschlicher Existenz, denn der Mensch kann im Laufe seines Lebens von unterschiedlichen Parasiten befallen werden, wie z.B. Viren, Bazillen oder die Religion. Letztere kommt im „Großen Polt“ mal wieder gar nicht gut weg. Die Kommunion ( „Verteilung ungewürzter, papierähnlicher Oblaten, insbesondere solcher aus Karlsbad – Öko-Test sehr gut“) habe die Beatles zu ihrem Hit „Oblati, Oblata“ inspiriert. Die Taufe heißt bei Polt „Weihwasser-Waterboarding“ und dient dem „katholisch machen von obstinaten Personen“. Soweit …. so gut.
Polt selbst erklärt kurz und knapp, warum er dem Projekt zugestimmt hat: „Der Unwahrscheinlichkeitsmachung klassischen Verstehens steht nichts mehr im Wege“, so seine Beschreibung von moderner Kommunikation in Zeiten von Facebook und Fake News: „Zum fröhlichen Umbegriffeln sowie Neubewörteln wünsche ich viel Spaß, gebe jedoch zu bedenken, dass ein Warr ohne ein Wirr gegenstandslos ist.“ Ach so.
Journalisten sind „Gedankenzuzler“, im Publikum sitzen „Applausvasallen“. Und die „Quickästimation“ sei „die Fähigkeit, innerhalb von Nanosekunden zu entscheiden, ob ein Mensch ein Arschloch ist oder nicht. Fehlerquote höchstens 0,05 Prozent“. Und zur selbst erfüllenden Prophezeiung – „Rückblickserwartung“ – weiß Polt zu schreiben: „Wenn der Ding koa Idiot gewesen wär, dann hätt’s sei kenna, dass er a Depp worn waar.“
Gut, hier muss der Leser den Mut beweisen, in das bayrische Lebensgefühl einzutauchen – zumindest sprachlich.
Schön fand ich die „gschupften Mütter“, die „Pendlerinnen zwischen Coiffeur, Bioladen und Visagist via SUV, die sich mit ihrem Produkt (Kind, Schraz, Nachkomme) vornehmlich auf Englisch unterhalten und ihrem Nachwuchs mittels advokatorischen Nachdrucks zum Übertritt aufs Gymnasium verhelfen“. Böse aber gut.
Es braucht einen Polt, es braucht einen Böhmermann. Sprachlich-politisch.

Christine Wolter

Written by norak