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Sinnvolle Investitionen

Sinnvolle Investitionen

Naschis oder Sprache?

 

Unseren Kindern bringen wir bei  – oder versuchen, ihnen beizubringen – ihr Taschengeld sinnvoll auszugeben. Sinnvoll. Damit meinen wir vermutlich, nicht gleich das ganze Vermögen in Naschi-Tüten zu investieren oder den zwanzigsten Haarreifen zu erwerben. Auch runzeln wir die Stirn, wenn Kaufobjekte nach unserem Empfinden nicht gut für die Umwelt (dreifach eingewickelte Bonbons), das Sozialverhalten (Spiele mit Kampf und Totschlag) oder die Weltpolitik (Spiele und Filme, die dumm machen) sind.

Nun habe ich wieder einmal einen Artikel gelesen über die unglaublich schlechte Bezahlung von Lehrkräften, die Deutsch als Fremdsprache anbieten. Der Bedarf an diesen Fachkräften ist groß: Nach dem Zuwanderungsgesetz haben Migranten einen Anspruch auf einen Integrationskurs. Doch Dozenten, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, werden schlecht bezahlt. Mitte 2016 gab es eine Erhöhung für Lehrer in vom Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) finanzierten Integrationskursen. Seither werden statt 23 Euro Stundenlohn 35 Euro bezahlt. Wer andere Deutschkurse für Geflüchtete oder Deutschförderkurse unterrichtet, wird im Schnitt deutlich schlechter bezahlt. Die Volkshochschule zahlt bei identischem Kursprogramm 22 Euro.

Zudem müssen die Lehrkräfte von ihrem Honorar in die Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung, sowohl den Arbeitnehmer- als auch den Arbeitgeberanteil zahlen. Bezahlten Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es für Selbstständige nicht. Man darf einfach nicht länger ausfallen, sonst bleibt nur der Gang zum Arbeitsamt, um Hartz IV zu beantragen.
Für Migranten und Geflüchtete sind Abschlüsse in diesen Sprachkursen oftmals eine der wichtigsten Voraussetzungen, um auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Da wir, wie ich hoffe, alle gut darüber informiert sind, wie wichtig und essentiell notwendig eine gute Eingliederung von Geflüchteten im Berufsleben ist, sollte doch hundertprozentige Einigkeit darüber bestehen, dass Gelder für Deutschkurse gut investierte Gelder sind. D’accord?
Ich will lieber gar nicht erst aufzählen, wohin öffentliche Gelder verschwinden. Dann ärgern wir uns nur wieder. Nur soviel: Im Prinzip sind es Naschi-Tüten, Haarreifen und schlechte Filme.
Daher möchte ich an dieser Stelle den unermüdlichen Honorarkräften, die tagtäglich Geflüchteten aus aller Herren Länder mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und aus unterschiedlichen Berufsfeldern die deutsche Sprache versuchen nahe zu bringen, meine allergrößte Hochachtung ausdrücken. Sie tun es für 14.928 Euro brutto im Jahr.

Christine Wolter

Written by norak