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Schreiben

Schreiben

Leere Seiten durch Stimmungstief

Vor einigen Wochen habe ich ein Interview mit der Schriftstellerin Charlotte Link gehört, die aufgrund der Krankheit und des Todes ihrer Schwester eine längere Schreib-Pause eingelegt hat. In diesem Interview erklärt sie, dass aufgrund tiefer emotionaler Prozesse an das Schreiben von Kriminalgeschichten gar nicht zu denken war. Sie hat sich lange und bewusst mit ihrer Beziehung zu ihrer Schwester auseinandergesetzt, hat getrauert und akzeptiert. Das ist sehr gesund, dachte ich, als ich das hörte. Und gleichzeitig dachte ich, dass man sich eine längere Schreibpause auch erst einmal leisten können muss. Schreiberlinge jeglicher Couleur, die nicht mit dem Einkommen einer Charlotte Link rechnen können, müssten wahrscheinlich weiter schreiben. Egal, wie es ihnen gerade geht – ob sie in einem emotionalen Tief stecken, Liebeskummer haben oder eine depressive Phase durchmachen. Es wird weiter geschrieben, egal, ob Werbe-Text, Komödie, Fachartikel oder Fantasy-Geschichte. Als meine Tochter noch klein war, hat mich schon hohes Fieber bei ihr von meinen Texten abgelenkt. Wie groß muss die Überwindung nach einer schockierenden Nachricht sein! Mir hat ein Schriftsteller einmal gesagt, er würde in solchen Zeiten wahnsinnig gerne Brötchen verkaufen. Er sei dann nicht alleine vor dem leeren Bildschirm, sondern im Kontakt mit Menschen und würde die immer gleichen Abläufe genießen. Er müsse nur bedingt kreativ sein und sei nicht unter dem Druck, Geschichten erfinden zu müssen, die konträr zu seinen Gefühlen stehen. Das ist verständlich. Ich selbst würde in Zeiten emotionaler Blockaden gerne die Post austragen und ich möchte unbedingt an dieser Stellen allen Kollegen und Kolleginnen meinen Respekt aussprechen für ihre Arbeit und ihre fristgerechten Lieferungen – auch in angespannten Zeiten.
Auf der anderen Seite wissen wir aber auch aus der Weltliteratur, dass so manch großartiger Roman nicht in unserem Regal stehen würde, wenn der Autor oder Dichter keine tiefe Leidensphase durchlebt hätte. Diese Geschichten konnten entstehen, weil uns Einblick in ihr Seelenleben gewährt wurde. Auch nicht einfach. Aber authentisch und über alle Maßen beeindruckend.
Die sensible, wunderbare Künstlerseele.Wie gut, dass es sie gibt.

 

Christine Wolter

 

 

Written by norak