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Wartezimmer

Wartezimmer

Durchatmen und Lesen

Gestern hatte ich einen dieser Tage, die niemand braucht. Arztbesuche. Ich weiß  nicht, wieviel Stunden ich in Warteposition verbracht habe. Es waren auf jeden Fall viele. Als meine Stimmung noch ganz akzeptabel war, griff ich wahllos in die Zeitschriftenhaufen, die um 8 Uhr noch gut sortiert sind, bereits um 8.30 aber ein einziges Chaos ergeben. Zunächst greife ich immer gierig nach den Zeitschriften, die ich mir nie kaufen würde und die ich auch nur beim Friseur oder in den Wartezimmern meiner Ärzte ertragen kann. Lesen muss man die ja nicht, es sind hauptsächlich Hochglanz-Bilder, die uns über Aktuelles und längst Vergessenes aus der High Society informieren. Doch ich gebe zu: Es begleitet mich immer ein bisschen die Angst, die Leute um mich herum könnten mich falsch einschätzen. Zwei bis drei Magazine lang ist mir das egal, dann greife ich immer schnell nach einem Politischen Blatt und setze damit ein Zeichen: Ich kümmere mich auch um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens! Bereits beim ersten Artikel merkte ich, wie sich meine Laune rapide verschlechterte. Es ging um unser Gesundheitssystem, um Wartezeiten und leider auch um Privat- und Kassenpatienten. Das verleitete mich dazu, dem gerade erst eingetretenen und sofort vom Arzt persönlich aufgerufenen Herrn mit bösen Blicken zu strafen. Der kam mir doch gleich wie ein Privatpatient vor! Ich musste schnell weiterblättern, sonst hätte die völlig unschuldige Sprechstundenhilfe meine Wut zu spüren bekommen. Wie die sich wohl gefühlt hat, als sie den Anrufbeantworter mit dem alles entscheidenden Satz „Privatpatienten wählen bitte die 1, gesetzlich Versicherte die 2“ besprechen musste? Das Verrückte ist ja, dass die Kassenpatienten immer viel kranker wirken als die Privatpatienten. Vielleicht, weil wir Kassenpatienten auf diesen ganzen Wartestress gar keine Lust haben und erst gehen, wenn es im Prinzip schon zu spät ist? Vielleicht, weil wir drei Monate auf einen Termin warten müssen und uns bis dahin schon der Apotheker um die Ecke geheilt hat? Man weiß es nicht. Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Als mich die politischen Magazine mit ihrer Berichterstattung pfeilschnell in eine Depression führten, langte ich nach einer naturwissenschaftlichen Zeitung und las einen interessanten Artikel über unsere Atmung. Dank der darin beschriebenen Übungen, die ich gleich alle ausprobierte, konnte ich den gestrigen Arzt-Tag ohne Wutanfall überstehen. Und eigentlich war die Idee, meine Dolmetscher-Kollegen mit diesem Blog an die Wichtigkeit des richtigen Atmens beim Sprechen zu erinnern. Hm. Ist mir doch wieder einmal die Politik dazwischengekommen.

 

Christine Wolter

Written by norak