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Postfaktisch II

Postfaktisch II

Selektive Wahrnehmung – Die Welt, die gerade zu uns passt

 

Im Zuge der Diskussionen über unser postfaktisches Zeitalter wird das psychologische Phänomen der selektiven Wahrnehmung wieder einmal betrachtet und bezüglich einiger erschütternder Ereignisse des letzten Jahres auf Herz und Nieren überprüft. Unterschiedliche Faktoren sind dafür verantwortlich, dass wir Bilder, Situationen und Gehörtes selektiv wahrnehmen. Im Internet findet man hierzu altbewährte und neu entwickelte Tests, die uns schmunzeln lassen, denn sie basieren nicht auf Dingen, die unsere Welt bewegen, sondern auf der Anzahl von Elefantenbeinen und einem Gorilla, der an spielenden Basketballern vorbei schleicht.
Die selektive Wahrnehmung basiert zum einen auf gemachten Erfahrungen, denn das menschliche Gehirn sucht nach vorhandenen Mustern, um neue Informationen mühelos an eben diesen anzuknüpfen. Auch spielen persönliche Wünsche eine wichtige Rolle wie auch positive bzw. negative Erwartungen. Letztere zeigen sich im Ergebnis oftmals im Gewand der self fulfilling prophecy, der selbst erfüllenden Prophezeiung. Einstellungen und Interessen lenken ebenfalls unsere Wahrnehmung, genau wie sogenannte Reizthemen, die Informationen gleicher Priorität in ein Ungleichgewicht bringen. Die selektive Wahrnehmung funktioniert hier wie ein Filter und zeigt uns die Welt, wie sie gerade zu uns passt. Zu den bekanntesten Beispielen gehört die schwangere Frau, die auf der Straße ungewöhnlich viele Kinderwagen sieht.
Nun verhält es sich mit der selektiven Wahrnehmung aber so, dass sie zwar eigentlich als Schutzmechanismus dient und das menschliche Gehirn vor zu vielen Informationen bewahren soll (Wichtiges soll von Unwichtigem unterschieden werden, damit unser Gehirn nicht heiß läuft und irgendwann explodiert), doch besonders im letzten Jahr mussten wir feststellen, dass die selektive Wahrnehmung zu den vielleicht gefährlichsten psychologischen Phänomenen des Menschen gehört. Ein schwerwiegender Defekt, der die Weltpolitik zusammenbrechen lässt und in „postfaktisch“, dem Wort des Jahres, seinen oftmals polemischen Ausklang findet. Das Selektive unserer Wahrnehmung ist zu einem durch und durch unsicheren Fundament unseres Handelns geworden. Lügner werden zu Präsidenten gewählt, Fakten, die zeigen, dass Ausländer nur unwesentlich mehr Straftaten begehen als die deutsche Bevölkerung werden ausgeblendet, ….. „denn das Gefühl ist anders“. Wir kennen die Fakten, doch unser Gefühl sagt etwas anderes. Und das Gefühl spielt in der Politik eine immer größere Rolle, kann aber bei gleichzeitiger Ausblendung der Fakten zu katastrophalen Ergebnissen führen. Doch wer will Fakten hören, die besagen, dass es keine ökonomische Zukunft gibt? Dass der Klimawandel die Welt zerstört und eine Regierung die Kontrolle verloren zu haben scheint? Da ist es leichter, zu selektieren, im postfaktischen Fahrwasser ein Gläschen Sekt zu trinken und das momentane Gefühl zu genießen. Solange es noch geht.

 

Christine Wolter

Written by norak