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Facebook und seine sprachlichen Tücken

Facebook und seine sprachlichen Tücken

Plötzlich Türkisch

Im Zuge einiger Recherchen, die ich für einen Artikel zur facebook-Sprache unternommen habe, bin ich auf Google-Suchthemen gestoßen, die mich schmunzeln ließen: „facebook Hilfe! Nur noch Chinesisch!“, „facebook plötzlich Türkisch!“, „facebook falsche Sprache!“, „facebook nach Urlaub Spanisch!“… .  Einfach köstlich! Wenn der Kontext dieser Ausrufe unbekannt ist, könnte man meinen, man stecke in einer fremdsprachlich programmierten Science Fiction-App, mit deren Hilfe man plötzlich und ungewollt Türkisch spricht. Deutlich wird bei diesen Hilfe-Rufen, dass die Hilfe-Suchenden ihre neu erworbene Sprache ganz schnell wieder loswerden wollen. Denn sie können ihren facebook-Account nicht nutzen und sehen sich einsam auf einem Floß dahintreiben, während die facebook-Welt weiter brodelt und unaufhaltsam postet, was es zum Mittagessen gibt. „Jetzt! Pizza!“ dürfte allerdings auch auf anderen Sprachen nicht schwer zu verstehen sein. Oder „Jetzt! Cocktail hier mit Otto R.“ auch nicht. Egal, die Not ist groß, wie im Internet festzustellen ist, und die Experten-Ratschläge, wie die eigene Sprache wiedergefunden werden kann, mannigfaltig. Dabei ist es doch eigentlich schlichtweg Hammer, dass man „plötzlich Türkisch“ oder nach dem Urlaub „auf einmal Spanisch“ ist. Mir ist das leider noch nie passiert, aber da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie hart man daran arbeiten muss, um eine Fremdsprache wirklich zu beherrschen, lassen mich diese Ausrufe schlichtweg vor Neid erblassen. Denn plötzlich Türkisch sprechen zu können, wäre in unserer globalen und politisch wie sozial überaus problematischen Welt ein Gottesgeschenk. Arabische Sprachen, Russisch, Chinesisch … wenn wir all dies mit Hilfe einer facebook-App verinnerlichen und anwenden könnten, wäre zwar der Berufsstand der Übersetzer und Dolmetscher in der Auflösung befindlich, aber zahlreiche Konflikte könnten „in situ“, also direkt und gleich, angepackt und gelöst werden. Was natürlich auch wieder Quatsch ist, wie wir jüngst erfahren durften: Ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Türke mit hervorragenden Deutsch-Kenntnissen (für ihn, sagt er, sei es seine „Muttersprache“) konnte der Polizei in keinster Weise verdeutlichen, dass er nicht zu einer Gruppe von Flüchtlingen gehört, die gerade  – warum auch immer – aufgegriffen wurde. Vielleicht hätte es geholfen, der Polizei zu zeigen, dass er „Jetzt! Pizza!“ auf Deutsch postet? Schräge Welt.

Christine Wolter

Written by norak