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Kleines Buch mit großen Worten

Kleines Buch mit großen Worten

Willemsens letzter Traum von einem Leben ohne Smartphone

Viele große Menschen sind 2016 gestorben. Im Februar diesen Jahres starb Roger Willemsen, Bestseller-Autor, Fernsehmoderator, Professor, leidenschaftlicher Philosoph und Querdenker. Sein letztes Buch ist eine „Rede aus der Zukunft“, welche unter dem Weihnachtsbaum auf mich wartete. Ich gebe zu, dass ich Willemsen leider erst nach seinem Tod richtig wahrgenommen und seine Gedanken zu schätzen gelernt habe. Und diese Rede hat mich über die Weihnachtsfeiertage sehr beschäftigt. Willemsen schreibt müde von unserer Entmündigung durch Apps und Apparate. Und er macht dies so stichfest, so eloquent und eindringlich, dass ich wieder einmal glaube, alle müssten dieses Büchlein lesen und sich folglich von allem lösen, was wir meinen, haben zu müssen. Aber das denke ich so häufig, wenn ich etwas Gutes lese, und bisher ist noch nichts Hoffnung bringendes  passiert. Und auch darum geht es Willemsen: Das wir ja wissen, was ist, und trotzdem nicht handeln: „Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Wir agierten auf der Schwelle – von der Macht des Einzelmenschen zur Macht der Verhältnisse.“ Die Rede ist wie ein Blick zurück aus der Zukunft und als Bote aus der Zukunft teilt Willemsen uns mit, was die Digitalisierung am Beginn des 21. Jahrhunderts mit uns machte: „Wir kamen aus einer Zeit mit einer hohen Meinung von etwas, das wir ‚Privatsphäre‘ nannten, scheu vor der Beobachtung, schüchtern vor dem Ausbreiten unserer intimen, familiären, persönlichen Momente. Wir gaben sie auf. Das Ich war nicht länger schützbar.“ Das autonome Ich, erinnert sich Willemsen, wurde „in immer kleinere Zonen zurückgedrängt. Zugleich aber blies sich das Individuum auf in nie da gewesener, nie möglich erschienener Datenfülle aus dem Einzelleben. Und während sich all dies vollzog, wurde das eigene Ich erreicht von einer Müdigkeit, einem Überdruss an sich selbst.“ Damit reiht er sich ein in die Traktate internationaler Philosophen, die nicht müde werden, darüber zu schreiben, wie sehr Smartphones uns foltern und Internetkonzerne Psychopolitik mit uns treiben. Nur, dass Willemsen Medienkritik „in poetisch“ liefert und diese in keiner Zeile dumpf wirkt.
Liebes Jahr 2017, ich wünsche dir alles Gute und viel Hoffnung.

Christine Wolter

 

Written by norak