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Gendern

Gendern

Wer braucht’s?

Vor einiger Zeit hörte ich im Radio ein kurzes Interview über gendergerechte Sprache. Es ging um eine Homepage, über die ein noch im Aufbau befindliches Wörterbuch aufgerufen werden kann, welches helfen soll, neue, gendergerechte Begriffe korrekt anzuwenden. Begriffe, die auf ein kompliziertes Schriftbild verzichten wie auch auf Phänomene wie Unterstrich, Schrägstrich, Großbuchstaben im Wort etc. etc. Das klang interessant, denn ich persönlich kann mit einem durch Gender-Schreibweise verunstalteten Text nichts anfangen, was dazu führt, dass ich mich gerne mal unbeliebt mache, wenn ich kundtue, dass ich mich bei „Liebe Teilnehmer“ genauso angesprochen fühle, wie meine männlichen Kollegen. Aber das nur nebenbei …

Als sprachlich Interessierte schaue ich mir die im Interview genannte Homepage und die zum Teil durchaus sinnvollen Begriffsvorschläge an (wobei ich auch hier sagen muss, dass mir so manche Formulierungen viel zu kompliziert sind und durch eingeschobene Relativsätze auch einfach zu lang). Neben Begriffen, von denen ich mir vorstellen könnte, dass sie irgendwann sprachlich Fuß fassen könnten, gibt es allerdings auch Vorschläge, die durchaus ein bisschen hinken: Wenn ich beispielsweise die Plural-Form „Apotheker“ durch „Arzneikundige“ ersetzen soll, habe ich die berechtigte Sorge, dass sich alle, die zu Hause mit Schüssler-Salzen und Homöopathischen Globuli experimentierenden Menschen angesprochen fühlen, aber eben leider keine Apotheker. Und die Idee, den Facharzt durch ärztliche Fachkraft zu ersetzen, könnte ebenso ein schwerwiegendes medizinisches Dilemma auslösen. Bei der Ersetzung der Plural-Form „Fahrradfahrer“ durch „Fahrrad Fahrende“ oder „wer mit dem Fahrrad unterwegs ist“ steige ich dann komplett aus. Aber wie bereits angemerkt – einige Vorschläge sind durchaus sinnvoll, um den Sprachfluss durch gendergerechte Formulierungen nicht vollkommen aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Allerdings wird mir ein bisschen schwindelig, wenn ich auf die Seite der „Links“ ging. Hier werden EINIGE Broschüren und Ratgeber zur Anwendung gendergerechter Sprache genannt, die online abrufbar sind. Und wieder einmal wurde mir klar, dass viel Zeit, viel Arbeitskraft und ein großer Berg finanzieller Mittel in ein Thema gesteckt werden, dass – und nun muss ich vorsichtig sein -  eventuell nicht ganz soviel Aufmerksamkeit benötigt, wie wir gemeinhin denken. Denn wenn wir uns nicht darum kümmern, unseren Kindern das Lesen und Schreiben in einer Art und Weise nahe zu bringen, dass sie verstehen, wie ungemein gut und wichtig es ist, sich um die eigene Sprache zu kümmern, bringt es auch nicht viel, die „Mitschüler“ durch „die anderen Kinder aus der Klasse“ zu ersetzen. Finde ich.

Christine Wolter

Written by norak