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Buchstabe auf wackligen Beinen

Buchstabe auf wackligen Beinen

In unserer heutigen Zeit geht es ja u.a. um das Abschaffen. Einige Dinge gehören definitiv abgeschafft, andere hinterlassen ein Gefühl von Trauer und/oder Wut. Bargeld wird abgeschafft, Arbeitsplätze, Bücher, CDs, Zeitungen aus Papier, Plastiktüten, Telefone (old style), Tastenhandys usw. usw. . Und nun geht es auch um die Idee, den Buchstaben V abzuschaffen, denn dieser befände sich auf dem Rückzug, sagen die Experten. Die Gesellschaft für deutsche Sprache fragt ganz konkret: Kann das V durch F und W ersetzt werden? Die Antwort lautet eindeutig: Ja. „Der Buchstabe V lässt sich lautlich nicht von entweder F oder W unterscheiden.“ Bereits 1956 schreibt der Sprachhistoriker Theodor Frings im Grimmschen Wörterbuch: „V ist heute im Hochdeutschen dem F lautlich vollkommen gleich, was auch graphisch darin seinen Ausdruck findet, dass Wörter desselben Stammes bald mit F, bald mit V geschrieben sind (voll, fülle).“ Aber wenn das V so überflüssig ist, warum existiert es dann als 23. Buchstabe des heutigen Alphabets? Die Antwort auf diese Frage findet sich in der Tatsache, dass die deutsche Orthografie, viel mehr als die Rechtschreibung anderer Sprachen, von historischen Faktoren bestimmt wird. Die Verhältnisse, in denen sich das V sprachgeschichtlich bewegt, waren von Anfang an kompliziert. Daher werde ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen. Fakt ist aber, dass am Ende der langen sprachhistorischen Erklärungskette die Existenzberechtigung des Buchstabens V auf ein Minimum reduziert ist. Schade. Ich mag es, wenn Kinder mich fragen „Wird das mit Vogel-V geschrieben?“ Und natürlich schleicht sich auch bei dieser Abschaffungs-Idee wieder einmal das ungute Gefühl ein, dass unsere Orthografie sich immer mehr der aktuellen Rechtschreib-Lethargie anpasst (oder umgekehrt?). Glücklicherweise ist die Gesellschaft für deutsche Sprache erst einmal zu dem Schluss gekommen, dass die völlige Abschaffung des V weder wahrscheinlich noch wünschenswert ist, denn dann könne man ja beispielsweise nicht mehr zwischen viel und fiel unterscheiden.
Puh … gerade noch mal davon gekommen.

Christine Wolter

Written by norak