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Living language laboratory

Living language laboratory

Neue Sprachformen

Mark Twain schrieb in seinem Buch A tramp abroad, ein begabter Mensch könne Englisch in dreißig Stunden lernen, Französisch in dreißig Tagen, Deutsch aber kaum in dreißig Jahren: “Es ist ganz offenkundig, dass die deutsche Sprache zurechtgestutzt und renoviert werden muss. Wenn sie so bleibt, wie sie ist, sollte man sie sanft zu den toten Sprachen legen, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen.” So oder so ähnlich würden es vielleicht all diejenigen formulieren, die Deutsch als Fremdsprache auf ihrem Stundenplan stehen haben. Ganz Südeuropa stöhnt, wenn es um die deutsche Grammatik geht. Doch seien wir mal ehrlich: Haben wir nicht schon längst bemerkt, dass da was im Gange ist mit der deutschen Sprache? DIE ZEIT schreibt, dass im Jahr  2008 zwei Drittel der Deutschen der Meinung waren, mit ihrer Sprache gehe es rasant bergab. Die Gründe hierfür sind allgemein bekannt: Leseabstinenz, Anglisierung, Internet-Kommunikation, Mischung der Kulturen und Jugend-Slangs. Weiter heißt es, dass im Jahr 2010 schon 84 Prozent meinten, es müsse jetzt endlich mehr für den Erhalt des Deutschen getan werden. Heute zeichnen sich zwei ideologische Lager ab: Zum einen sind da die Sprachpuristen, die vom Verlottern der deutschen Sprache reden und auf Normen und Regeln pochen. Zum anderen entwickelt sich eine Multikulti-Schickeria, die Spaß am Sprachwandel zu haben scheint, Sprachmischung verherrlicht und eine naiv-romantische Nuance nicht verbergen kann. Beide Sichtweisen vernebeln. Worum, also, kann es uns gehen bei dem Thema „Entwicklung der deutschen Sprache“?  Wissenschaftlich formuliert entwickelt „[...] das Hochdeutsche aus seinem Reichtum allmählich eine flexible Sprechnorm, die den kommunikativen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst ist.“ Das klingt doch zunächst beruhigend. Zunächst. Die Beruhigung verflüchtigt sich, wenn man Studien zum sogenannten „Alltagssprech“ liest. Da geht es nicht mehr um Einfachheit und Effizienz der Sprache. Da geht es um den Abbau von grammatikalischem Ballast, der die Haare zu Berge stehen lässt. Noch nie war das gesprochene Deutsch von der Schulgrammatik so weit entfernt wie heute, schreibt DIE ZEIT. Der Genitiv ist schon fast in Vergessenheit geraten, Dativ und Akkusativ werden konsequent miteinander vertauscht, manche Fälle fehlen einfach komplett. Auch zeigt die gesprochene Sprache eine vermehrte Nutzung von „machen“ anstelle der korrekten Konjugation des entsprechenden Verbs.  Auch Komparative gibt es kaum noch. Wir sind nicht mehr zugänglicher, sondern „mehr zugänglich“. Usw. usw.. Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob die systematischen Fehler von heute die neuen Regeln von morgen werden und sich die neuen Sprachformen parallel zur Hochsprache, aber nicht gegen sie entwickeln. Lassen wir uns überraschen!

Christine Wolter

Written by norak