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Mainstream

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Auf welcher Welle lassen wir uns treiben?

Der mediale Mainstream – Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften mit hohen auflagen, Radio- und TV-Sendungen mit beachtlichen Einschaltquoten – wird immer wieder thematisiert und auch aufs schärfste kritisiert. Wikipedia schreibt diesbezüglich über das von Medienwissenschaftler Uwe Krüger publizierte Buch „Mainstream. Warum wir den Medien misstrauen“. Hier erklärt Krüger den Vertrauensverlust in die Mainstream-Medien, die seiner Auffassung nach während der Ukraine-Krise besonders deutlich geworden ist. „Vielen Rezipienten sei eine Einseitigkeit und Homogenität der Berichterstattung aufgefallen. Auf die Kritik auch namhafter Persönlichkeiten aus Politik und Publizistik haben Medien hauptsächlich mit Abwehr und Diffamierung reagiert und so die Vertrauenskrise noch verstärkt.“ Okay. Begriffen. Wir sollten unbedingt auch die sogenannten Indie-Medien oder die Blogosphäre befragen, um in Sachen Berichterstattung nicht in den Sumpf der allgemeinen Mainstream-Meinung gezogen zu werden.

Doch wie verhält es sich mit der Popkultur? Warum zum Beispiel rümpfen so viele bei musikalischem Mainstream das Näschen und tun so, als würden sie den Subkulturen bzw. dem Independent angehören und regelmäßig in den ästhetischen Underground abtauchen? Ich oute mich heute und hier: Meine Füße wippen mit, wenn ich Songs aus den Charts in einem Mainstream-Radiosender höre, manchmal bewegen sich auch meine Arme und sogar mein Oberkörper. Ich singe zuweilen mit! Und das, obwohl ich musikalisch zumindest soweit gebildet bin, dass ich erkenne, wie einfach, wie „basic“ die Kompositionen immer wieder sind. Aber sie machen gute Laune und wie wir alle wissen, können wir davon einiges vertragen in diesen Zeiten. Es gab Zeiten, da hätte ich mich nicht geoutet. Da sollte Musik friemelig und kompliziert sein, Harmonieabfolgen sollte sie haben, die es vorher nie gab. Schräg, eigen, skurril. Füße wippten nicht mit. Der Rhythmus war zu unklar. Heute jedoch kann ich sagen: Alles ist erlaubt. Auch der gute alte Mainstream. Und vor einigen Tagen, als ich mir das Auto eines Freundes ausgeliehen habe, der das komplette Gegenteil vom Mainstream ist (Kultur-Radiosender, klassische Musik und Musik, die keiner kennt, Arte TV und Bücher, die es nicht auf die Spiegel-Bestseller-Liste schaffen dürfen), wurde mir wieder klar, wie nah uns der Mainstream ist: Der im Autoradio meines Freundes eingespeicherte und aktive Sender war klarer Mainstream und ich erinnerte mich, wie ich meinen Freund kürzlich mit dem Fuß wippen sah, als er in meiner Küche mit meinem Mainstream-Radio saß.

Christine Wolter

Written by norak