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Sag’s mit Blumen

Sag’s mit Blumen

Der unsichere Blick auf die Schönheit

Worüber kann man schreiben, wenn man nicht über das schreibt, was zur Zeit auf der Welt passiert? Eigentlich über gar nichts. Frankreich, die Türkei, USA und nun auch Bayern … egal, was ich lese, es handelt immer von Angst und Schrecken, Gewalt und Terror. Einige Texter-Kollegen im Bereich Sprache und Linguistik schreiben über die Herleitung, Bedeutung und Verbreitung der Begriffe „Putsch“, „Säuberung“ oder „Flüchtling“. Sicher, Sprache ist überall. Und Sprache kann aufrütteln und kalte Schauer über den Rücken ziehen lassen. Denn wer erschauert nicht bei den Worten „Todesstrafe“ oder „Säuberung“? Ich erinnere mich noch gut, wie wir als Jugendliche aufschreckten, als uns bewusst wurde, welcher Zusammenhang zwischen der deutschen Geschichte und dem so leicht dahingesagten „Bis zur Vergasung“ bestand. Das sagt heute zum Glück niemand mehr. Doch ist dies nur eines von zahlreichen Beispielen, wie die Sprache aus der Zeit der NS-Diktatur noch heute unter uns weilt, wie verbale Härte unbemerkt zuschlagen und in die Menschen eindringen kann (“flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl”  – die zentralen Attribute gegen die Verweichlichung der Jugend im Dritten Reich und die Worte des Sängers Heino bei einem Interview von 2013 auf die Frage nach seiner körperlichen Fitness.). Einige Begriffe sind eben nicht „totzukriegen“. Wie auch das Wort „Sonderbehandlung“, das eine Tarnbezeichnung der SS für die Ermordung von Menschen war. Es gab viele „Sonder-“ Begriffe. Und während ich noch immer fassungslos über das, was in der Türkei passiert, nachdenke, wandert mein Blick hinauf zu der von mir bereits verfassten Überschrift und ich erinnere mich, dass ich nur eine Chance für meinen heutigen Blog sah: Ich muss über etwas schreiben, was sich galaktisch weit von der Aktualität befindet und mit all dem, was auf der Welt passiert, rein gar nichts zu tun hat. Ich wollte – unsicher und leicht verklemmt – über die Sprache der Blumen schreiben. Hat nicht funktioniert. Dann bleibt mir für heute nur noch die Kamille: Heilung, Hoffnung und Trost.

Christine Wolter

Written by norak