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Ich hab Rücken

Ich hab Rücken

Der Spaß mit der Umgangssprache

Womit Horst Schlämmer im deutschen Fernsehen das Publikum zum Lachen brachte, ist bei vielen Menschen schmerzhafte und oft chronische Realität: Ich hab Rücken. Auch mich hat es kürzlich erwischt und als mich eine Nachbarin morgens die Treppe hinunter-eiern sah und mich fragte, was denn los sei, sagte ich ohne nachzudenken: „Ich hab Rücken.“ Ich sagte nicht: „Ich hab es im Rücken“ oder „Ich habe Rückenschmerzen“ oder „Mich hat es im Rücken erwischt“ oder vielleicht noch genauer „Mein Ischias-Nerv ist eingeklemmt.“ Nein – ich hielt es mit Horst Schlämmer und übte damit Verrat an allen sprachlichen Prinzipien, die mich beruflich und auch privat zum Teil auf recht anstrengende Art verfolgen. Schwuppdiwupp – da war es raus. Meine Nachbarin antwortete darauf in ähnlich spontanen Zügen: „Ich hab ständig Rücken.“ Das eine Wort mehr im Satz machte es auch nicht besser. Und es kommt so leichtfüßig daher! Komplett selbstverständlich und mittlerweile auch ganz ohne Horst Schlämmer! Denn mal ganz unter uns: Wer sagt heute noch „Ich hab Rücken“ in dem vollen Bewusstsein, dass dieser Nicht-Satz eine Katastrophe ist? Eine Nation, die es schafft, „Ich komm mit Auto“ zu sagen, erreicht auch im komplett nüchternen Zustand den Stand des ernsthaft gemeinten „Ich hab Rücken“, wodurch Herr Schlämmer von seiner vermeintlichen Schuld freigesprochen werden kann. Aber ich möchte nicht im ewig gleichen sprachlichen Matsch herumkneten. Unsere Sprache wird ihren Weg schon gehen. Denk ich. In Erklärungsnot gerate ich, wenn mich Übersetzerkollegen aus dem Ausland hektisch kontaktieren, da sie als sprachlich versierte Menschen über diese Art Sätze stolpern, die ja heutzutage auch in schriftlicher Form vorliegen. Klar haben die Menschen einen Rücken! Bei „Ich hab Kopf“ und „Ich hab Kreislauf“ verhält es sich ähnlich. Interessant wird es bei „Ich hab Hals“. Halsschmerzen oder aufsteigende Wut? Oder beides? Sprachliche Somatisierung. Auch ein Thema.

Christine Wolter

Written by norak