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Herr Zuckerberg auf Wörterfang

Herr Zuckerberg auf Wörterfang

Liest man über das neue Spielzeug von Facebook – das im Februar anerkannte Patent „Generating a social glossary“ – wird einem wieder einmal bewusst, wie nah sich Geld und Wissenschaft stehen. Was für die einen die Möglichkeit eröffnet, durch rechtzeitiges Erkennen neuer cooler Wörter Marken zu entwickeln und damit Gelder zu generieren (wer 2011 gewusst hätte, dass „Selfie“ ein globales Modewort wird, wäre heute steinreich), bedeutet für den anderen einen galaktischen Schritt in der wissenschaftlichen Erforschung von Sprachen, insbesondere im Bereich der Soziolinguistik. Wie aber soll dieses Früherkennungssystem hipper Wörter funktionieren? Folgende Prozesse werden im Patentantrag beschrieben: “Neue Wörter entdecken. Feststellen, dass Wörter in einem bisher nicht bekannten Sinne gebraucht werden. Entscheiden, dass das Wort zum Wörterbuch hinzugefügt wird. Hinzufügen. Dem Nutzer Erläuterungen zum Wort bieten. Feedback über die tatsächliche Benutzung bekommen. Überflüssige Wörter wieder entfernen.” Und schwupps! Fertig ist das automatisch hergestellte soziale Wörterbuch. Außerdem kündigt Facebook an, die Software könne “umgangssprachliche Ausdrücke, Portmanteaus, Silbenwörter, Abkürzungen, Akronyme, Namen, Spitznamen, Wörter und Wendungen, deren Bedeutungen sich gewandelt haben, oder jede andere neu geprägte Art von Wörtern oder Wendungen erkennen”. Linguisten fragen sich, wie genau die von Facebooks Glossar gesammelten Informationen tatsächlich sind: “Viel hängt von der Qualität der Metadaten einer Äußerung ab, beispielsweise dem sozialen Status und dem Aufenthaltsort der Person, die ein Wort vermutlich zum ersten Mal verwendet beziehungsweise zu dessen Verbreitung beiträgt. Der lexikalische Sprachwandel könnte mit geografischen und sozialen Koordinaten versehen werden und damit Licht in bisher zu wenig verstandene Prozesse bringen.” Damit hat sich die Frage nach dem rechtlichen Eigentum der Postings wohl endgültig erledigt. Interessant wäre hierbei auch die Überlegung, ein soziolinguistisch interessantes Wort zu kreieren, dieses durchs Netz zu jagen, schon mal eine Marke patentrechtlich klar zu machen, um dann, ein, zwei Jahre später, den großen Reibach zu machen. Die Finanzwelt macht es einem vor. Doch ich weiß nicht, ob die sprachliche New World von Facebook die Grundlage eines richtungsweisenden Wörterbuches sein sollte.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

Written by norak