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Gedichte

Gedichte

Für immer und ewig

Beim Osterfrühstück in großer Runde habe ich dieses Jahr miterlebt, wie eine Wette vom letzten Jahr in ähnlicher Runde einen positiven Ausgang fand: „Wer im nächsten Jahr Goethes Osterspaziergang auswendig aufsagen kann, erhält einen Sack Krokant-Eier.“ Erstaunlich, wie Schoko-Eier zum Lernen motivieren können. Ebenso erstaunlich ist es, welche Gedichte außerdem hervorgeholt wurden. Poetry Slam mal ganz anders. Wir hörten Klassiker und Gedichte aus der neuen Zeit, Dialekte, Gedichte aus dem Krieg, Gedichte aus der Zeit des Wiederaufbaus, politische Gedichte, Verständliches und Unverständliches. Bei dem einen oder anderen Gedichte spürte man deutlich, dass der Redner bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit eben dieses Gedichte hervorholt, bei anderen gerieten die Sprecher auf sympathische Weise ins Stocken und wirkten nervös wie zu Grundschulzeiten. Wir hatten zweifellos eine gute Zeit mit all diesen Gedichten. Und so manch einer hat sich vorgenommen, von nun an wöchentlich ein Gedicht zu lernen. Ganz ohne Schoko-Eier. Respekt! Ich habe mich nach dem besagten Frühstück ins Netz begeben und wurde mal wieder überrascht: Die Frage „Wie kann ich am schnellsten ein Gedicht auswendig lernen“ scheint bei den Leuten am brennendsten zu sein. Mir fehlte die Zeit, um auf eine Seite zu kommen, die auch Inhaltliches thematisiert oder Sinn und Zweck des Gedichte-Lernens beleuchtet. Diese Faktoren scheinen nicht so brennend zu sein. Mir ist im Zuge dieses Osterfrühstück-Slams wieder eingefallen, wie ich als Kind die Gedichte meiner Großeltern hörte. Und wie auch meine Eltern urplötzlich ein Gedicht hervorholten, ohne, dass bei ihnen irgendeine Affinität zu Gedichten bestand. Die Strophen, Reime und Verse schienen schon lange abrufbereit in ihren Erinnerungen zu leben. Im Krieg vermittelten sie Trost und Hoffnung und halfen beim Einschlafen. So wurde es mir berichtet. Und auch heute kann ein Gedicht in verschiedensten Situationen hilfreich sein. Es kann eine Liebeserklärung sein, Trauer ausdrücken oder die Zustände in unserer Welt auf den Punkt bringen. Zu schnell sollten sie nicht gelernt werden. Vielleicht bleibt so ihre therapeutische Wirkung schlichtweg auf der Strecke.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

Written by norak