twitterfacebookgooglexinglinkedin

Unerkannte Grenzen

Unerkannte Grenzen

Drogen im Beruf und Alltag
In den letzten Tagen erschien immer wieder ein iStock-Photo in den Medien, das den Oberkörper eines Mannes zeigt: Weißes Hemd, Krawatte – zunächst der Ausschnitt eines typischen Geschäftsmannes. Doch die Krawatte zieren kleine, feine Cannabis-Pflanzen. Das Foto fungiert als thematischer Einstieg in eine Problematik, die größer zu sein scheint, als wir bisher annahmen: Drogen in den Chefetagen. In der Politik. In der Schule. In der Uni. In den nach außen scheinbar gesunden Gesellschaftskreisen. Denn Drogen sind lange schon nicht mehr nur unter den Brücken oder in Szene-Kneipen zu finden. Nein, manchmal sind sie sogar Inhalt der Päckchen, die unseren Kindern postalisch zugestellt werden. Erschreckend. Aber wahr. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Anton Flunger rüttelt auf: “Haschisch ist inzwischen sehr üblich und wird von Jugendlichen teilweise gar nicht mehr als Droge wahrgenommen. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.” Er rät dazu, sich in die pubertierenden Jugendlichen „reinzukämpfen“, wenn in der Familie Dialoge und Streitgespräche schon nicht mehr stattfinden.

Auseinandersetzung sei wichtig. Sonst verlieren Eltern allzu früh den Kontakt zu ihrer Brut. Doch das iStock-Bild zeigt deutlich, dass es nicht nur um Jugendliche geht. Seit der Grünen-Politiker Volker Beck mit der synthetischen Droge Crystal Meth erwischt wurde, liefern Fernsehsendungen, Presseartikel und psychologische Fachtexte erschütternde Erfahrungsberichte aus Politik und Wirtschaft. Top-Manager, die sich künstlich aufputschen, um unternehmerische Ziele verwirklichen zu können, Politiker, die nach einem 15-Stunden-Arbeitstag nur mit Hilfe bunter Pillen die letzte Sitzung überstehen können und Studenten, die sich für den Lern-Marathon vor einer Prüfung auf gesundheitsgefährdende Weise dopen. Wir wissen das alles. Wir lesen darüber und hören davon. Und doch gibt es auch schon Ratgeber mit dem Titel „Burn Out Kids – Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert“. Einschulung so früh wie möglich, denn das Kind kann ja schon lesen, Fußballtraining mit Zielvorstellung Sichtungsspiel, denn mit sechs soll der Knirps in den großen Stadien spielen, Singen mit professionellem Lehrer, damit der Voice Kids-Auftritt garantiert ist. Merken wir noch was? Hoffentlich bald.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

Written by norak