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Lesen – ein Selbstversuch

Lesen – ein Selbstversuch

E-Paper oder echtes Paper?

Ich finde es immer spannend, wenn Journalisten irgendeine Art von Selbstversuch machen und anschließend das Ergebnis als Erfahrungsbericht publizieren. Der folgende Bericht wird jedoch nicht davon handeln, wie ich schafehütend durch die Lüneburger Heide getigert bin oder mehrere Wochen in einer amerikanischen Fastfood-Kette gejobbt habe. Nein, mein Selbstversuch ist wesentlich simpler: Ich habe drei Tage die aktuellen Nachrichten online gelesen und anschließend drei Tage eine Tageszeitung gekauft und diese gelesen. Nach den drei Tagen Lese-Erlebnis habe ich jeweils eine Zusammenfassung dessen geschrieben, was ich zuvor in den News gelesen habe. Eine Zusammenfassung für die Online-Presse und eine weitere Zusammenfassung für die Papier-Version. Das Ergebnis war frappierend: Mir scheint Papier wesentlich näher zu stehen als mein Laptop, denn die aus Papier gezogene Zusammenfassung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Welt war mehr als doppelt so lang wie die Zusammenfassung des digitalen Pendants. Ich schätze mich als durchaus geübte digitale Leserin ein, doch scheint es mit der Aufnahme der gelesenen Information nicht so optimal zu laufen, wie ich dachte. Prompt fällt mir ein Dozent aus einem damaligen Übersetzer-Seminar ein, der uns immer wieder mit dem Hinweis nervte, wir sollten ALLE angefertigten Übersetzungen zum Korrekturlesen ausdrucken. Auf dem Bildschirm sei eine Korrektur keine echte Korrektur. Und recht hat er, der Dozent. Über was also verfügt echtes Papier, was dem E-Paper fehlt? Zunächst fällt einem die haptische Komponente ein. Das Ertasten und Erfühlen der Zeitung. Auch für die Ohren gibt Papier etwas her; das Rascheln und Knistern. Wenn im Nebenraum jemand Zeitung liest, höre ich das, wenn es sich um ein E-Paper handelt, weiß ich nicht einmal, dass jemand im Nebenraum ist. Auch habe ich festgestellt, dass ich gerne etwas aus Zeitungen herausreiße, um es dann so in meinem Terminkalender (ich habe noch einen aus Papier) zu platzieren, dass ich Theater- oder Konzertkarten rechtzeitig reserviere. Nach meinem E-Paper-Ausflug hatte ich keine herausgerissenen Kultur-Programme im Kalender und bin auch nicht ins Theater gegangen. Usw. usw…. . Vielleicht ist dies ein kleines Plädoyer für die gute alte Tageszeitung in Papierform. Ihr könnt den Blog ja mal ausdrucken, wer weiß, was passiert.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

Written by norak