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Roger Willemsen

Roger Willemsen

Selbstbestimmte Leidenschaft 

Die Dinge, die ich aufgrund der Todes von Roger Willemsen über Roger Willemsen lese, beeindrucken mich. Viel zu früh ist er gestorben. Mit 60 Jahren aufgrund einer Krebserkrankung. Und was nun über ihn geschrieben wird, beinhaltet eine grenzenlose Fülle an Erfahrungen eines Weltreisenden, eines Sehenden, eines Wissenden und vor allem eines Neugierigen. Willemsen machte Sendungen im Fernsehen und im Radio, er trieb seine Gesprächspartner mit seinen gut durchdachten Fragen an ihre Grenzen, er suchte unermüdlich diese ganz besondere Musik – die, die das Herz berührt – und er suchte die Verbindung von Jazz und Klassik. Er schrieb an die 50 Bücher; für eines davon, „Das hohe Haus“, besuchte er ein Jahr lang sämtliche Sitzungen des Bundestages – mit desillusionierendem Ergebnis. Seine Texte bewegen sich von humorvoll über politisch bis hin zu zutiefst philosophisch. Es ist alles dabei. Und noch mehr. Und er setzte sich hierfür nicht einfach mal schnell an seinen Schreibtisch und schrieb etwas zusammen. Nein, die ihm innewohnende Leidenschaft des Schreibenwollens verfolgte Willemsen weiter, trieb ihn die entferntesten Enden der Welt, nach Tonga, Kamtschatka und zum Nordpol. Ließ ihn Wasserflohföten essen und bei Hirtenvölkern übernachten, Todkranke beim Sterben begleiten und Kriegsgebiete durchqueren. Nichts war nur halb, alles war ganz. In der Schule dagegen konnte Willemsen nicht überzeugen: “Zweimal hängen geblieben wegen zu großer Doofheit, gemischt mit Faulheit, Desinteresse und mangelnder Leidenschaft für das, was ich können sollte”, erklärte er. Dieses Zitat stimmt mich nachdenklich. Ein so leidenschaftlicher und wissensdurstiger Mensch spürt mangelnde Leidenschaft       für das, was wir gemeinhin Schulbildung nennen? Und beim Betrachten heutiger Gymnasiasten, die zum Teil versinken in tausendfachen Wettbewerben, scheinbar erforderlichen Auslandsjahren, die – egal, wo – einfach nur stattzufinden haben, in Coachings durch Unternehmenslobbyismus und Ehrungen in Rathäusern … vielleicht fehlt eben diesen Jugendlichen später die hier zitierte Leidenschaft, die notwendig ist, um für etwas zu brennen und es mit zündendem Feuer in die Welt hinaus zu tragen. Manchmal ist zuviel eben einfach zuviel und weniger eindeutig mehr.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

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