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Attrition – können wir unsere Muttersprache verlernen?

Attrition – können wir unsere Muttersprache verlernen?

„Wir hatten einen …ähm …Refrigerator.“

Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich zur Zeit intensiv mit der Frage, welchen Einfluss das Erlernen verschiedener Sprachen auf die Muttersprache hat. Die Attrition – die langsame Erosion der eigenen Sprache – hängt von vielen Faktoren ab und bedeutet weniger das Verlernen der eigenen Sprache als viel mehr das Ringen konkurrierender Sprachen um die Vorherrschaft. Und: Der Verfall einer Sprache verläuft genauso individuell wie ihr Erwerb. Während die einen nach Wörtern ringen, wenn sie nach Jahren im Ausland in ihrer Muttersprache erzählen wollen, sprechen andere in ähnlicher Lebenssituation perfekt und fließend. Eine der entscheidenden Faktoren hierfür sind psychologische Umstände. Wer zum Beispiel auf einer Flucht besonders tiefgreifende Verletzungen erfahren musste, verlernt seine Muttersprache schneller als diejenigen, deren Erlebnisse nicht so traumatisch waren.
Kinder, die bilingual aufwachsen, haben in der Regel immer eine dominante Sprache, wobei diese mehrmals im Leben wechseln kann. Dies sieht man zum Beispiel an Jugendlichen in Deutschland, die zunächst viel Türkisch in der Familie gesprochen haben, nach der Einschulung aber vor allem Deutsch. Wenn diese Jugendlichen mit etwa 13 Jahren in die Türkei zurückkehren, klingt ihr Türkisch zunächst eher holprig, doch schon wenige Jahre später genauso blendend wie das ihrer Mitschüler. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man seine Muttersprache nicht auch verlieren kann, was Untersuchungen bei koreanischen Kindern mit französischen Adoptiveltern gezeigt haben. Die Kinder waren mit etwa acht Jahren nach Frankreich gekommen, ihr Koreanisch klang fabelhaft. Aber als man ihnen Jahre später Sätze auf Japanisch, Polnisch, Wolof und Koreanisch vorspielte, konnten sie ihre Muttersprache nicht mehr identifizieren.
Ich selbst erinnere mich daran, dass ich früher in der Schule die Wortfindungsstörungen meiner Mitschüler, die für 1 Jahr in Amerika waren, immer ein wenig belächelt habe. Bis mir ein Prüfer bei einer Prüfung zum Konsekutivdolmetschen
  - ich lebte damals in Spanien – unverblümt sagte, ich würde „da unten im Süden sprachlich verwildern“ und müsste mich „dringend mal wieder der deutschen Literatur widmen“. Denn das ist, was uns Dolmetscher ausmacht: Wir können die verschiedenen Sprachen im Gleichgewicht halten. Wenn wir darauf achten, passiert uns auch nicht so ein sprachlicher Lapsus wie dem EU-Kommissar Günther Oettinger, der mit perfektem Denglisch zuzüglich schwäbischen Akzent einmal zusammenfasste: „Everything hangs together.“ Uihhhhhh…..!!!    

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

 

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