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Unwort des Jahres 2015

Unwort des Jahres 2015

Mensch darf nicht gut sein

Nachdem wir uns vor kurzem mit dem Wort des Jahres 2015 beschäftigt haben, widmen wir uns heute dem Unwort des Jahres 2015. Und wer in den sozialen Netzwerken herumirrt, wird bereits mitbekommen haben, dass das Unwort des Jahres zum Teil heftige Diskussionen auslöst. Dies liegt aber nicht an der Wortwahl, sondern am thematischen Hintergrund des Begriffes „Gutmensch“. Denn mit „Gutmensch“ werden diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Einige facebook-Reaktionen auf die Unwort-Wahl bestanden nur noch aus einem kurzen Satz: Ich kann den Mist nicht mehr hören.
Und zurecht. Die Unwort-Wahl hat das richtige Wort getroffen. Denn mit dem Vorwurf des “Gutmenschentums” werden echte Werte wie Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd diffamiert. Manch einer reduziert damit die Arbeit der Ehrenamtlichen auf das Handeln aus einem Helfersyndrom heraus oder nennt es moralischen Imperialismus. Das sind alles „No-Gos“, um mal auf der Welle der Plattitüden zu bleiben. Denn Wellen aus dem rechtspopulistischen Lager sind nun mal in erster Linie platt. Erschreckend ist, dass der Begriff „Gutmensch“ auch von Journalisten genutzt wird und zu einer Pauschalkritik an einem „Konformismus des Guten“ herangereift ist.
Auf den Plätzen zwei und drei landeten übrigens die Worte „Hausaufgaben“ (als schulmeisterliches Synonym für den Reformbedarf Griechenlands) und „Verschwulung“ (für die angebliche Verweichlichung der Männer, nach einem Buchtitel von Akif Pirinçci).
Gewählt wird das Unwort des Jahres seit 1991. Eine unabhängige sprachkritische Initiative setzt sich an den runden Tisch und diskutiert sämtliche Einsendungen. Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. In diesem Jahr wurde sie noch durch den Kabarettisten Georg Schramm ergänzt. Auf der Website dieser Initiative ist zu lesen, dass man mit dieser Aktion das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern und den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen lenken möchte. Da frage ich mich unvermittelt, ob wöchentliche Wahlen nicht angebrachter wären.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

 

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