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Lesen

Lesen

Wort für Wort

Hier sitze ich nun wie jeden Dienstag morgen – und bin hin- und hergerissen. Ein Blog über die um uns schwirrende Weihnachtszeit wäre heute dran, das Betrachten eines jahrhundertealten Weihnachtsliedes oder Gedichtes. Doch Knecht Ruprecht und das Christkind müssen noch mal warten, mich treibt ein anderes Thema um: Lesen. Nein, lieber Leser, ich beziehe mich nicht auf die Frage, ob unsere Kinder, ob wir alle noch Bücher lesen. Es geht auch nicht darum, wie es den Buchverlagen geht und ob es irgendwann nur noch digitale Bücher gibt. Es geht um das Lesen ganz allgemein. Um den Leseprozess, der meines Erachtens durch Digitalisierung und Informationsflut negativ beeinflusst wird. Denn erst kürzlich habe ich eine Info-Mail an einen voluminösen Verteiler geschickt – die wichtigsten Punkte für ein demnächst stattfindendes Event waren deutlich hervorgehoben – , um dann einen Tag vor dem Event unzählige Rückfragen zu erhalten. Ich war völlig verunsichert, habe die von mir verfasste Nachricht noch mal gelesen, habe überprüft, ob die hervorgehobenen Termine einfach gelöscht wurden, ob mit meinem Verteiler etwas nicht stimmt …. doch nein, es war alles in Ordnung. Das Problem liegt woanders. Wir lesen E-Mails nicht. Den ganzen Tag nehmen wir digitale Schriften auf, doch können wir digital lesen? Open Access liefert uns wertvollen Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung, Tages- und Wochenzeitungen landen per Online-Abo und häufig auch kostenfrei auf unserem Bildschirm und lieb gemeinte Weihnachtsgrüße erreichen uns als E-Card. Wie es aussieht, ist nicht nur mir aufgefallen, dass Bildschirm-Informationen den Leser nicht wirklich erreichen. Verschiedene Forschungslabore und Universitäten untersuchen bereits, wie digitale Medien unser Wissen, unser Dichten und Denken beeinflussen. Sicher ist, dass das Mehr an Informationen nicht zu einem Mehr an Wissen führt. Das liegt auch, aber nicht nur an der gefährlich schwindenden Qualität der Informationen. Und man fragt sich, ob wir eines Tages die Fähigkeit verlieren, ein ganzes Buch zu lesen. Die Vorteile des digitalen Buches liegen auf der Hand. Doch sollten wir dabei das Lesen nicht vergessen.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

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