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Globalisierung

Globalisierung

Sprache macht vor Emotionen nicht halt Der Einfluss, den die Globalisierung auf die Sprache nimmt, wird häufig und meist kontrovers diskutiert. Publikationen wie „Abschied von Mutter Sprache“ (Karl-Heinz Göttert) zeigen deutlich, wie z.B. die deutsche Sprache in Zeiten der Globalisierung von Anglizismen durchströmt und selbst auf ein Mindestmaß reduziert wird. Auch weiß man inzwischen, dass sich die Globalisierung für das Aussterben kleinerer Sprachen verantwortlich zeichnet. Die Anzahl von Menschen, die mindestens zwei Sprachen sprechen erhöht sich laufend und in Amerika existiert ein deutlicher Run auf chinesische Kindermädchen, die den Allerkleinsten beizeiten die chinesische Sprache lehren sollen, denn – wir wissen es alle – wer heute noch sein Englisch pflegt, wird morgen schon Chinesisch brauchen, um global nach ganz vorne zu kommen oder gegebenenfalls dort bleiben zu können. Da fragt man sich unmittelbar, ob all die Anglizismen, die altgediente und durchaus verständliche deutsche Begriffe abgelöst haben, im Laufe der nächsten 20, 30 oder 40 Jahre wiederum chinesischen Begriffen weichen müssen? Ob das dann noch cool klingt? Wir werden sehen. Gestern habe ich mit einer in Berlin lebenden Italienerin telefoniert, die ganz aufgeregt erzählte, dass sie nächste Woche nach Italien reisen müsse, um das Haus ihrer vor drei Jahren verstorbenen Mutter zu räumen. Als gute Italienerin war sie natürlich bei diesem Gespräch sehr nah am Wasser gebaut und sie gab ihrer Sorge Ausdruck, dass sie in diesem Haus von großer Traurigkeit eingeholt werde. Wir haben uns schnell darauf verständigt, dass bei dieser Reise alles sein darf. Von Trauer über Fröhlichkeit bis hin zur Wut – alles darf kommen und ausgelebt werden. Sie erzählte, wie in den italienischen Dörfern ihrer Kindheit mit Trauer umgegangen wird und natürlich brachte uns das schnell zur norddeutschen Kühle und der bei im Norden häufig wahrgenommenen Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken. Meine Freundin sagte, es sei für sie schlichtweg unvorstellbar, wie ein Mensch so leben, ja, überleben kann und dass bestimmt viele Krankheiten in dieser emotionalen Verschlossenheit ihre Ursache haben. Nach einer kurzen Denkpause wünschten wir uns für die Norddeutschen eine Art „emotionale Globalisierung“, die zwischenmenschliche Brücken bauen und vielleicht sogar die gefährdete „Mutter Sprache“ um neue – gefühlvolle – Begriffe bereichern könnte. Wünschen wir der Sprache das Beste. Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

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