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Intuitives Schreiben

Intuitives Schreiben

Mal ist es der Kopf, mal der Bauch

Vor einigen Tagen habe ich einen sehr interessanten Artikel über Intuition und intuitives Handeln gelesen. Da ich selber zu den intuitiven Typen gehöre, lese ich diese Art von Beiträgen immer sehr gerne. Sie beruhigen mein beizeiten aufkommendes schlechtes Gewissen, wenn ich mein recht straffes Lebenspensum einer gewissen Planlosigkeit unterwerfe. Doch seitdem immer häufiger über Freizeitstress und der Wichtigkeit des Innehaltens geschrieben wird, fühlt sich mein Hang zur Intuition gar nicht mehr so schlecht an. Sogar ein „Plädoyer für Planlosigkeit“ habe ich kürzlich im Wartezimmer meines Hausarztes lesen können. Der Artikel entspannte mich derart, dass ich mich gar nicht mehr krank fühlte. Doch ob GEO, Spiegel, Stern oder Ärzte-Magazin – eine Grundproblematik durchzieht sämtliche Publikationen: Der Mensch kann nicht mehr nichts tun. Der für intuitives Handeln so wichtige Kontakt zu sich selber, die notwendige Ruhe und Gelassenheit ist von uns gewichen. Wenn wir Gelassenheit üben möchten, benötigen wir ein 10-Punkte-Programm, Kur-Aufenthalte mit straffem Stundenplan oder einen Coach, der uns zu festgelegten Uhrzeiten auffordert, in uns zu gehen. Was für eine Welt. Ein bisschen wie diese Menschen, die auf facebook Fotos und Beschreibungen ihres „Urlaubes in vollkommener Abgeschiedenheit und Stille“ posten. Da passt doch was nicht zusammen. Sei’s drum. Zurück zur Intuition. Eine Schriftstellerin veröffentlichte kürzlich ihre Gedanken zum intuitiven Schreiben. Da gäbe es Kollegen, die die Wände ihres gesamten Arbeitszimmers mit Notizen zu ihrem noch zu schreibenden Buch plakatierten. Personen, Handlungsstränge, Anfang, Mitte, Ende usw. – alles festgehalten auf diesem hellbraunen Packpapier. Die besagte Schriftstellerin praktiziere ebenfalls diese Vorgehensweise, stelle aber jedes Mal wieder fest, dass ihre Personen, Handlungen und Spannungsbögen einen anderen Weg als den an der Wand festgehaltenen nehmen. Sie sei Verfechterin des intuitiven Schreibens und könne auch gar nicht anders. Selbst, wenn sie wollte. Die Geschichten kämen aus ihrem tiefsten Inneren. Interessant hierbei war aber auch ihre Feststellung, dass das intuitive Schreiben ohne vorangegangener Packpapier-Session nicht funktioniere. Das Sammeln ihrer Gedanken, die ganzen bezugnehmenden Pfeile, Überschriften und Überlegungen zum Plot lieferten die Struktur für spätere Intuitionen. Ein bisschen Kopf, ein bisschen Bauch und dann die richtige Mischung aus beidem – es ist doch immer dasselbe. Aber bitte ohne 10-Punkte-Programm.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

 

 

 

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