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Das Multitalent und der wilde Bär

Das Multitalent und der wilde Bär

Im Juni diesen Jahres ist Harry Rowohlt gestorben. Seine Übersetzung von „Winnie-the-Pooh“ und seine genialischen Lesungen machten ihn berühmt. Wer mehr über den Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnisten und Botschafter des irischen Whiskys erfahren möchte, der kann Einzelheiten in dem Buch „In Schlucken-Zwei-Spechte“ nachlesen. Hier erzählt Rowohlt dem publizistischen Kollegen Ralf Sotschek sein Leben. Die Wahl des Buchtitels ist auf die Trinkaffinität der Gesprächspartner und auf Rowohlts Vorliebe für irische Schriftsteller zurückzuführen. Doch das Multitalent Harry Rowohlt sollte man nicht nur lesen sondern vor allem hören: Seine raue und doch so liebenswerte Erzählerstimme der deutschen Übersetzung von A.A. Milnes Kinderbuchklassikern „Winnie-the-Pooh“, ist in vielen Ohren fest verankert. Für die Hörbuchversion von „Pu der Bär“ wurde Rowohlt sogar die goldene Schallplatte verliehen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist sein reichhaltiges Übersetzungswerk, welches ihm wichtige Preise und die ehrliche Verbeugung vieler Kritiker und Leser beschert hat. In literarischen Diskussionen nicht ganz einfach, kritisierte er scharf und wortgewandt die Arbeiten anderer Übersetzer, während er selbst regelrechte Neudichtungen verfasste und dabei jeden Begriff auf die Goldwaage legte.
Nach dem Tod seines Vaters Ernst Rowohlt, hätte Harry in das Verlagsgeschäft seines Vaters einsteigen können. Doch diesen Weg wollte er nicht einschlagen, auch wenn er inzwischen gelernter Verlagsbuchhändler war. Sein Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und er verkauften den Verlag Anfang der achtziger Jahre an die Holtzbrinck-Gruppe. Zeit seines Lebens musste er sich mit der Verbindung zum Rowohlt-Verlag herumschlagen. Manchmal reagierte er mit viel Witz und manchmal aber auch sehr genervt.
Ein sprachliches Multitalent, dass sich Zeit seines Lebens mit Schauspiel, Rezitation, Literatur, Übersetzung und Sprache bis in tiefste Tiefen beschäftigt hat  – und auch nie etwas anderes wollte. Sprachliche Leidenschaft, vielleicht sogar Sprachbesessenheit, und die Beschäftigung mit wilden Bären haben sein Leben reich gemacht. Trotz aller lebensechten Problematik. Ich weiß nicht, warum ich jedes Mal, wenn einer dieser sprachlich Besessenen geht, nervös werde. Irgendwann werden wir diese in der Öffentlichkeit agierenden Menschen mit skurrilen, schrägen und pieksigen Seiten vermissen. Menschen, die trotz offensichtlicher Intellektualität in der Lindenstraße mitspielen.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

 

 

 

 

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