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Sprachliche Vorsicht

Sprachliche Vorsicht

Flüchtling, Refugee, Migrant – Political Correctness als Drahtseilakt

Sprache kann Realitäten verzerren und aufweichen. In der aktuellen Situation hören wir Bezeichnungen wie „Flüchtlinge“, „Refugees“ oder auch „Migranten“. Die Politik ergänzt die Auflistung durch „Gefährder“ oder die „verunsicherte Mitte“ oder das „Pack“. Bei allen schwingt ein Nebenton mit. Was darf sein? Und wie hält es das politische Establishment damit?
Sind Terroristen Gefährder, Gefährder jedoch – politisch gesehen – keine Terroristen? Auch in Deutschland geschehen politisch motivierte Verbrechen. Die vielen brennenden Flüchtlingsheime sind nur ein Beispiel dafür. Die Bundesregierung lässt verlauten, hier drohe zwar Gefahr, nicht jedoch Terror. Es gebe Gefährder, nicht aber Terroristen in Deutschland. Der DUDEN sieht das anders. Er definiert einen Terroristen als einen „Anhänger des Terrorismus; jemand, der Terrorakte begeht“. Terrorismus wiederum ist eine „Einstellung und Verhaltensweise, die darauf abzielt, [politische] Ziele durch Terror durchzusetzen“. Und Terror ist die „[systematische] Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen (besonders zur Erreichung politischer Ziele)“. Für die Bundesregierung ist es leichter von Personen zu sprechen, von denen potenziell Gefahr ausgeht. Würde sie von Terroristen sprechen, ließe diese Wortwahl politische Inaktivität erkennen. So einfach ist das. Und so realitätsfremd. Und wie verhält es sich mit den Begriffen „Vertriebene“ und „Flüchtlinge“? Der eine Begriff beinhaltet den passiven, der andere den aktiven Status. Bedenken wir diesen semantischen Unterschied? Auch die Bezeichnung „Wirtschaftsflüchtling“ lässt mich nachdenklich werden. Wo genau beginnt die Definition für bedrohtes Leben und wo endet sie? Sind die Deutschen der Auswanderungs-Shows ebenfalls Flüchtlinge, vielleicht sogar Wirtschaftsflüchtlinge? Reicht Hunger und der Wunsch nach einem besseren Leben? Diese Fragen sind nur hochsensibel zu behandeln. Auch sprachlich. Sollten wir also doch lieber „Migrant“ sagen und damit die Tragödie der unzähligen Syrer, Roma, Eritreer, Afghanen, Iraker herunterspielen, denn: „Migrant“; vom lateinischen Verb migrare. Migrare, das (aus-)wandern, wegziehen. Gänzlich deplatziert. Über die Frage, welche denn nun die adäquatere Bezeichnung ist, kann man lange spekulieren. Bis dahin hilft wie immer: Weniger nachdenken und einfach mal anpacken!

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin/Dolmetscherin & Texterin

 

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