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Übersetzer und ihre Fragen

Übersetzer und ihre Fragen

Die unendliche Suche nach der wirklich guten Übersetzung

Bei der Frage, welche Faktoren eine professionelle, eine gute, eine sprachlich versierte und überzeugende Übersetzung ausmachen, stößt man u.a. auf die Notwendigkeit bedeutender Fragen. Ein Übersetzer, der nicht fragt, ist kein guter Übersetzer. Und an der Qualität seiner Fragen erkennt man die Qualität seiner Arbeit. Hierzu habe ich erst kürzlich ein Interview mit dem Schriftsteller Martin Walser gefunden, dessen Roman „Ein springender Brunnen“ ins Amerikanische übersetzt wurde. Walser war von den Fragen seines Übersetzers David Dollenmayer begeistert: „Ich beurteile einen Übersetzer immer nach seinen Fragen. Ich merke an den Fragen, wie nahe er an mir dran ist. Ein Übersetzer, der keine Fragen hat, den kann man vergessen. Dollenmayer hatte wunderbare Fragen – und er hat fabelhaft übersetzt.“ Walser fügt hinzu, dass er die Übersetzung ins Amerikanische mittlerweile sogar lieber lese als das deutsche Original. Ein größeres Lob kann es für einen Literaturübersetzer kaum geben. Zwischen Walser und Dollenmayer entstand während der Arbeit an der Übersetzung ein regelmäßig stattfindender E-Mail-Kontakt. Zwei bis drei Mal pro Woche wurde der Schriftsteller von seinem Übersetzer angeschrieben und die Fragen zum Text wurden gestellt, erörtert und oft intensiv diskutiert. Beim Lesen des Interviews zuckte ich an dieser Stelle kurz zusammen. Zwei bis drei Mal pro Woche. „Oh ha!“, denkt da der Übersetzer, „so oft? Fühlte sich Walser da nicht gestört? Führen so viele Fragen von Seiten des Übersetzers nicht auch zu der Überlegung, ob ebendieser eventuell nichts taugt?“ Ja, so denkt man, denken wir. Doch genauso verhält es sich NICHT, liebe Kollegen. Stellen wir Fragen, zeigen wir, dass wir uns mit dem Quelltext intensiv auseinandersetzen und nicht einer stumpfen Mechanik folgend übersetzen. Auch bei Rechtstexten sind Nachfragen erlaubt und sogar notwendig, denn der Übersetzer kann nicht alle Abläufe und Zusammenhänge, die hinter einem opulenten Vertragswerk stecken, kennen. Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm. Und Übersetzer, die nicht fragen, werden zumindest von Herrn Walser mit größter Skepsis betrachtet.        

Christine Wolter | staatl. geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin | Korrektorat & Texte

Written by editor