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Ein Übersetzer ist ein Übersetzer ist ein Übersetzer

Ein Übersetzer ist ein Übersetzer ist ein Übersetzer

Das Opus Magnum des Übersetzers Moshe Kahn

Moshe Kahn, geboren 1942, Übersetzer vorwiegend aus dem Italienischen. So weit so gut.

Doch die 1975 stattgefundene Begegnung mit dem Roman „Horcynus Orca“ von Stefano D‘Arrigo hat Kahn nicht nur viel Arbeit beschert sondern auch die tiefe und aufrichtige Bewunderung von Seiten der Öffentlichkeit. Denn die Übersetzung dieses Romans, der jahrzehntelang als unübersetzbares Meisterwerk der Moderne galt, stellt höchste Anforderungen an den Übersetzer.

Es heißt, er behandele den Roman „als fasse er eine Mahler-Sinfonie in Worte“. Gehen wir einmal dreißig Jahre zurück: Damals, Anfang der achtziger Jahre, lebte Moshe Kahn wie ein Einsiedler in der italienischen Provinz. Freunde, die ihn besuchten, fragten ihn jedes Mal: Was hast du eigentlich so getrieben in den letzten Jahren? Er habe einen Roman gelesen, lautete die Antwort. Ach, tatsächlich, zwei Jahre lang? Und was hältst du nun von diesem Buch? „Das ist ein Roman, der das Tollste ist, was seit Ariost und Tasso in der italienischen Literatur vorgelegt wurde!“ Große Worte. Und nachdem Kahn dieses 1454 Seiten dicke und 1,5 Kilogramm schwere Werk übersetzt hatte, wusste er, dass er nicht übertrieben hatte.

Ein beeindruckendes Beispiel für ein Stück Weltliteratur, das weitgehend unbekannt bleibt, weil es als unübersetzbar galt. Fast ein Jahrzehnt lang hat Kahn an der Übersetzung gearbeitet. Und nicht zuletzt die enorme Musikalität dieses Werkes, die D’Arrigo selbst mit am Wichtigsten war, teilt sich gleich auf den ersten Seiten des übersetzten Werkes mit. Im Rhythmus der Meereswellen führt „Horcynus Orca“ den Leser mit sich und begeistert durch seinen epischen Tonfall.

Doch wie geht Kahn mit den annähernd zweitausend Neologismen um, die D’Arrigo für den „Horcynus“ erfunden hat? Ein Neologismus, sagt der Übersetzer, müsse als neue Wortschöpfung erkennbar und unmittelbar verständlich sein – wie schlapphäbig zum Beispiel: „Dieses Wort gab es nicht im Deutschen, aber nun gibt es das.“ Auch hatte Kahn Hilfe von Experten, die ihn die Sätze D’Arrigos in ein orthodoxes Italienisch übersetzt haben, aus dem Kahn in ein orthodoxes Deutsch übersetzt. Doch hier endet die Kette des „workflow“ noch lange nicht. Ein Umstand, der die zehn Jahre nachvollziehbar macht. Moshe Kahn bei der Verleihung eines Übersetzerpreises nicht ausgiebig zu würdigen, wäre mehr als „schlapphäbig“.

Chapeau, Herr Kahn.

Christine Wolter | staatl. geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin | Korrektorat & Texte

Written by editor