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Gehirn und Sprache

Gehirn und Sprache

Explosionen beim Simultandolmetschen

Immer wieder werde ich gefragt, wie das denn ginge, das Simultandolmetschen. Hören, Verstehen, Übersetzen, Wiedergeben – und das alles gleichzeitig? Im Studium lernt man Techniken und Hilfsmittel, um mit Stresssituationen in der Übersetzungssituation umzugehen, doch das einzig Entscheidende ist und bleibt – üben, üben, üben.

Stundenlang vor dem Fernseher sitzen und die aktuellen Nachrichten übersetzen, ist da nur eine, aber durchaus eine gute Möglichkeit. Denn so werden gleich neue Begriffe aus Wirtschaft und Politik gelernt. Sprache ist lebendig und zeigt Nischen mit Fachvokabular, in die der Dolmetscher auch in langjähriger Tätigkeit noch nicht geraten ist. Ein Kollege berichtete einmal von einer Tagung über Verwesungsstörungen auf Friedhöfen, die ihn an fachliche und auch körperliche Grenzen gebracht hat.

Ist der Tag fortgeschritten, das Thema komplex, die Kabine heiß und schlecht belüftet und kein Ende der Debatte in Sicht, geraten auch gestandene Dolmetscher an den Rand der Belastbarkeit. Da kommt es zu Explosionen im Gehirn, die den ruhigen Sprachfluss holperig werden lassen.

Aber zurück zum Gehirn und zum Üben: Das Simultandolmetschen aktiviert alle Hirnregionen, die auch beim Nachsprechen (Konsekutivdolmetschen) aktiv werden, und dazu noch einige andere, vor allem das Corpus striatum, bestehend aus Nucleus caudatus und Putamen. Ersterer wird mit der Planung, letzteres mit der Ausführung von Handlungen in Zusammenhang gebracht. Der Nucleus caudatus ist beteiligt bei der Umsetzung des Inputs in der einen in den Output in der anderen Sprache. Der Putamen hingegen mit der Hemmung der gerade nicht benötigten Sprache.

In der Ausbildung durchlaufen die Studierenden verschiedene Stadien: Bemüht der Anfänger sich noch bewusst, Kernaussagen herauszufiltern, wird dabei aber häufig von den vielen anderen Dingen überrollt, die er gleichzeitig im Kopf halten muss, komprimiert der erfahrene Dolmetscher mehr oder weniger automatisch und intuitiv. So bleibt kognitiver Freiraum für andere Probleme.

Dolmetschen ist Leistungssport für das Gehirn mit positiven Nebeneffekten: Simultandolmetscher verfügen über ein besseres Arbeitsgedächtnis und eine bessere Ausdrucksfähigkeit als „gewöhnliche“ Mehrsprachler. Die Kunst, zuzuhören und gleichzeitig zu sprechen – vielleicht auch eine angeborene Fähigkeit, die uns zu früh aberzogen wird? 

Christine Wolter | staatl. geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin | Korrektorat & Texte

Written by editor