twitterfacebookgooglexinglinkedin

Sprache und Musikszene

Sprache und Musikszene

Ich lerne Lieder

Vor einigen Tagen habe ich mich im Kreise alter Schulkameraden (zur Orientierung: Abiturjahrgang 1989!) daran erinnert, dass wir unsere Englischkenntnisse zu einem geringen Teil den schulischen Veranstaltungen zu danken haben, zu einem weitaus größeren Teil aber dem damals brennenden Wunsch, englischsprachige Songs aus den Charts zu verstehen, zu übersetzen, zu covern und vor allem auf Partys oder Konzerten mitzugrölen.

Besonders die emotionsgeladenen Frustsongs, die in der Regel herhalten mussten, um Gefühle jeglicher Art kundzutun, wurden akribisch übersetzt, in Tagebüchern verewigt und auf Kassetten aufgenommen, die dann, mit speziellem Cover versehen, der Zielperson in die Hand gedrückt wurden.

Welch atemberaubende Textvolumen da übersetzt wurden! Und wie speziell unsere Vokabelkenntnisse waren! Denn eins hatten wir den heutigen Superprogrammen voraus: Wir haben damals immer im Kontext übersetzt. Der den Songs innewohnende Kern war uns ans Herz gerückt und wir haben oft stundenlang an den Übersetzungen herumgebastelt. Wirklich zufrieden waren wir nie.

Nun hat mir vor ein paar Tagen eine spanische Übersetzerkollegin erzählt, dass sie die neue deutsche Musikszene total inspirierend fände und anhand der gut anzuhörenden Songs von Tawil, Bourani, Silbermond, Rosenstolz, Sportfreunde Stiller und wie sie alle heißen noch mal einen ganz neuen Zugang zum deutschen Sprachschatz gefunden habe. Sie könne zwar auch moderne deutsche Literatur lesen, aber mit iPod und Knöpfen im Ohr den Hausputz zu erledigen und dabei „Lass uns gehen“ lauthals mitzusingen, fände sie viel lebendiger und bringe auch letztendlich mehr Vokabeln in ihren Kopf.

Denn wenn sie ein Wort nicht versteht, packt sie der Übersetzer-Ehrgeiz und sie übersetzt das ganze Lied. Daraufhin habe ich mal ein wenig recherchiert und bin auf Seiten des Typs „learn german“ gestoßen, die tatsächlich allesamt ganze Listen von deutschsprachigen Musikern und Gruppen in ihrem Website-Repertoire haben. Und durch die vielen neuen Songwriter der deutschen Musikszene müssen Studierende der deutschen Sprache eben nicht mehr nur auf Reinhard Mey zurückgreifen. Also, liebe Sprachexperten, singt schöne Lieder! Möglichst in eurer Fremdsprache! Laut und inbrünstig! Euer Alltagswortschatz wird es euch danken!

Christine Wolter | staatl. geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin | Korrektorat & Texte

Written by editor