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Authentizität

Authentizität

Die heimliche Kraft der Sprache

Schon Mephisto spottete in Goethes Faust über die blutleere, akademische Wortklauberei. Denn Sprache, unsere Sprache, hat mit Authentizität, Lebendigkeit und Emotionen zu tun. Pathetisch ausgedrückt, kann durch sprachliche Starrheit auch unser Herz erstarren. Kontrolliertes, analytisches Sprechen passt nicht zu emotionalen Chaos-Situationen, zum Verliebtsein oder Entliebtsein. Da müssen die Wörter purzeln dürfen, wie sie wollen. Und wenn sie das tun, wird jede Liebeserklärung, jedes Trennungsgespräch, jede Euphorie und Hysterie hundertprozentig glaubhaft. Echt.

Wir alle kennen dieses Phänomen auch von Ansprachen und öffentlichen Reden: Solange abgelesen wird – na ja, ganz nett. Inhaltlich schlüssig, vielleicht sogar interessant. Wenn der Redner aber seine Aufzeichnungen beiseite lässt, wird es gut. Er schlüpft mit seiner Persönlichkeit in seine Sätze hinein und vermittelt das, was er denkt und wovon er überzeugt ist. Die Zuhörer spüren die Veränderung und ihre Aufmerksamkeit steigert sich nachweislich. Authentizität macht wach. Auf beiden Seiten. Vor einigen Jahren durfte ich mal in einer Schulklasse hospitieren, deren Klassenlehrer „Lehrersprache im Unterricht“ zu seinem Spezialgebiet gemacht hat.

Ich als sprachlich Interessierte erwartete mit Spannung die verbalen Tricks des Lehrers, die er einsetzen würde, um die Aufmerksamkeit der Schüler zu erhaschen und setzte mich mit gezücktem Bleistift in die hinterste Reihe. Und ich war verwirrt. Denn er sprach die Schüler mit „ich“ an. „Ich nehme jetzt mein Physikbuch aus der Tasche und schlage es auf Seite 35 auf.“ Wie „ich“? Er? Oder wer? Na ja, wenn er das machen will, dann ist doch gut. Die Schüler reagierten nur halbherzig auf die Aufforderungen in der 1. Person Singular. Und der Geräuschpegel war der allgemein übliche. Eben hoch. Auch bemerkte ich, dass der Lehrer tunlichst auf Satzanfänge wie „Du musst“ oder den Gebrauch von Imperativen verzichtete.

Das ist löblich, spiegelte aber nicht seinen mittlerweile strapazierten, emotionalen Zustand wieder. Damit will ich nicht sagen, er hätte seinem Ärger verbal Luft machen und herumbrüllen sollen. Dafür gibt es Supervisionen. Aber Mephisto würde sicherlich auch dies angelernte, erforschte Sprechen mit Kindern als „blutleer“ bezeichnen und auf seine ganz eigene Art die Aufmerksamkeit der Schüler erlangen.

Christine Wolter | staatl. geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin | Korrektorat & Texte

Written by editor