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Sütterlinschriften

Sütterlinschriften

Übersetzer der vergessenen Schrift

Wenn Menschen mit 73 noch mal Lehrer werden, dann ist es gut möglich, dass sie ein Wissen, ein Können, eine Fertigkeit beherrschen, die vom Aussterben bedroht sind und durch flotte Dozenten in den 70ern noch rechtzeitig an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Das Lesen und Schreiben der Sütterlinschriften  - die alten deutschen Schriften – gehören zu diesen Fertigkeiten, denn das Sütterlin ist zur Geheimschrift geworden und Transkribierer sind mittlerweile weltweit gefragt. In Hamburg trifft sich sogar regelmäßig eine quirlige Seniorengruppe, die ehrenamtlich Transkriptionen anfertigt und für ihre Arbeit lediglich um eine kleine Spende bittet. Die Auftragslage dieser Sütterlin-Experten lässt so manchen Diplom-Übersetzer nachdenklich werden, denn diese Übersetzer-Gruppe ist komplett ausgelastet und die Spendengelder fließen so reichhaltig, dass das Finanzamt schon mehrmals misstrauisch wurde und nachgefragt hat, welcher Tätigkeit diese Damen und Herren im Rentenalter eigentlich nachgehen. Tagebücher, Aufzeichnungen, öffentliche und private Dokumente jeglicher Art werden hier transkribiert. Romantische, dramatische und historisch hochinteressante Dinge werden lesbar und neu erlebbar gemacht. So manches Erbstück kann endlich gelesen und die Frage, wie Opa den Krieg erlebt hat, beantwortet werden. Sofern er Tagebuch geführt hat. Und nicht immer handelt es sich um die Sütterlinschrift. Doch wer diese Schrift lesen kann, kann auch viele andere deutsche Schriften lesen, etwa die Kurrent- oder die Kanzleischrift. Das älteste Dokument, das unsere Expertengruppe bisher übertragen hat, ist eine Vermögensaufstellung aus dem Jahr 1550.

Die Sütterlinschriften sind zwei Ausgangsschriften, die 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelt wurden. 1915 wurde die Sütterlinschrift in Preußen eingeführt und 1935 in abgewandelter Form (leichte Schräglage, weniger Rundformen) als „Deutsche Volksschrift“ Teil des offiziellen Lehrplans. Dann geriet auch die Sütterlinschrift in die politischen Wirrnisse Deutschlands und wurde später durch die NSDAP verboten („Schrifterlass“).


Gut, dass es Menschen wie unsere Rentner-Gang gibt, die lehren und lernen wollen. So geht nichts verloren. Und wenn sich unsere Schul- und Bildungspolitik irgendwann nicht mehr auf ständige Neuregelungen versteift, wird es ja auch nicht mehr allzu viele Schriften geben. Schriften, nicht Rechtschreibregeln. Was die betrifft, bleiben wir gespannt.

Christine Wolter | staatl. geprüfte Übersetzerin und Dolmetscherin | Korrektorat & Texte

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