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Textsinn und Kontext – Luthers Übersetzungstechniken

Textsinn und Kontext – Luthers Übersetzungstechniken

Eine kleine Schrift unter dem Weihnachtsbaum

Die alten Hasen der Übersetzerzunft lesen Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ mit sanftem  Kopfnicken und dem Gefühl, in ihrer Arbeit und der Art und Weise, wie sie diese ausüben, Bestätigung zu finden. Wie Luther in dieser im Jahre 1530 entstandenen Schrift Auskunft gibt über die Prinzipien seiner Übersetzungsarbeit verdeutlicht wieder einmal, was wahre Übersetzungsarbeit bedeutet. In dem beachtlichen Zeitraum von nur 11 Wochen hat Luther das Neue Testament übersetzt und ist anschließend mit seinen Wittenburger Freunden den übersetzten Text Zeile für Zeile durchgegangen. Auch in seiner folgenden Arbeit hat er die Unterstützung mehrerer Mitarbeiter gehabt, wobei diese nicht etwa mit Terminologie-Datenbanken, Workflow-Komponenten oder Translation-Memory-Systems ausgestattet und miteinander verbunden waren. Trotz Gruppenarbeit tragen die Übersetzungen deutlich Luthers Handschrift und Luther selbst stellt in seinem Sendbrief folgende Punkte deutlich hervor:

Der Grundsatz „Textsinn geht vor Wörtlichkeit“, was im Vergleich zu früheren Arbeiten zu einer    freieren Übersetzung geführt hat.

Die Orientierung an der mündlichen Volkssprache, die zu besonders kräftigen und bildhaften Formulierungen führt.

Das Interesse an der Sprechbarkeit und Eingängigkeit der Texte und damit die starke Gewichtung von Sprachrhythmus und poetischem Klang.

Ich fand in diesem Jahr das kleine Reclam-Heft von Luthers Sendbrief vom Dolmetschen unter dem Weihnachtsbaum, denn die Menschen um mich herum wissen, wie wichtig mir die Zukunft der Übersetzung ist und wie sorgenvoll ich sie oftmals betrachte. Diesen Sendbrief im Original und nicht etwa in einer Zusammenfassung zu lesen war ungeheuer interessant und erdet den Übersetzerkopf. Eine Empfehlung meinerseits an alle Kollegen. Denn anschließend ist dem Übersetzer wieder bewusst, welch vielseitige und verantwortungsvolle Aufgabe ihm zugeteilt ist: „Ach, es ist Dolmetschen keineswegs eines jeglichen Kunst, wie die tollen Heiligen meinen; es gehört dazu ein recht, fromm, treu, fleißig, furchtsam, christlich, gelehret, erfahren, geübet Herz.“ Luthers Anspruch, unermüdlich nach dem „richtigen“ Wort zu suchen, beeindruckt nachhaltig. Denn das Wort soll dem Gegenüber aber auch der Sache gerecht werden. Das sind Fußstapfen, in denen es uns gut täte, weiter zu wandern.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin | Korrektorat & Texte

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