twitterfacebookgooglexinglinkedin

Schule und Schreiben

Schule und Schreiben

Das Naheliegende so fern

Übersetzer beschäftigen sich nicht nur mit ihrer Fremdsprache. Auch und vor allem mit ihrer Muttersprache, denn in ebendiese werden Quelltexte übersetzt. Das professionelle und korrekte Übersetzen erfordert genaueste grammatikalische, stilistische und orthographische Kenntnisse. Das Übersetzerstudium ist also immer auch ein Studium der eigenen Sprache. Und – abhängig vom Dozenten – oftmals unerbittlich. Was, also, passiert in Zukunft im Übersetzergenre? Und nicht nur dort. Was passiert im gesamten Textbereich, in den Redaktionen, Unternehmen, Büros, Behörden, Universitäten, Internetfirmen und Werbe- und Presseagenturen? Was passiert da, wenn – wie beobachtet – an den weiterführenden Schulen ein großer Teil der Klientel nicht mehr schreiben kann? Wenn in den Arbeiten von Acht- und Neuntklässlern Satzanfang und -ende nicht erkenntlich ist, wenn mangelnde Rechtschreibkenntnisse Inhalte derart verunglimpfen, dass diese nicht mehr verstanden werden können? Es ist wohl nicht ganz so schlimm, wie ich es hier darstelle. Aber es ist zumindest sehr, sehr bedenklich. Und man fragt sich, ob diese Mängel durch ein Studium jemals behoben werden können. Natürlich wird bereits viel öffentlich diskutiert, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Natürlich gibt es zahlreiche Arbeitsgruppen, Expertenforen und Wissenschaftler, die auf ihren eigens dafür geschaffenen Lehrstühlen auf neue Konzepte stoßen. Schaue ich in die Arbeitshefte von Erst- und Zweitklässlern, stellen sich mir eine Menge Fragen. So schön illustriert und bunt sie auch sind: Wo ist der Platz zum Schreiben? Wo gibt es die Möglichkeit, auf einem vorgegebenen Platz Wörter zu Sätzen zu bilden? Wo werden Texte, die unleserlich und unordentlich geschrieben wurden, noch mal neu geschrieben? Wo sollen überhaupt eigene Sätze formuliert werden? Ich gehöre der Generation des Schreibheftes und der Lesefibel an. Und ich musste, wenn ich zu heftig im Unterricht gestört habe, ganze Absätze aus der Lesefibel abschreiben. In mein Schreibheft. Heute gibt es Lücken. Lücken für einzelne Wörter, Lücken für „ja“ oder „nein“ (Textverständnis) und Lücken für Kreuze (was ist richtig?). Den Kindern macht es Spaß. Den Verlagen auch. Nur den Lehrern in den weiterführenden Schulen macht es dann nicht mehr so viel Spaß.      

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin | Korrektorat & Texte

Written by editor