twitterfacebookgooglexinglinkedin

Neu übersetzte Klassiker

Neu übersetzte Klassiker

Der überraschende Run auf die neuen Alten

Im Jahre 2012 wurde in der FAZ ein interessanter Artikel über neu übersetzte Klassiker veröffentlicht, der mir jetzt, zwei Jahre später, erneut über den Weg gelaufen ist und für Übersetzer und Übersetzungsinteressierte nachhaltig spannend ist. Neu übersetzte Klassiker sind hier jene Werke, die bereits in einer Übersetzung vorliegen und erneut übersetzt wurden. Einer der Ausgangsmomente dieses von Andreas Platthaus verfassten Artikels ist die überraschende Tatsache, dass auf dem Buchmarkt neu übersetzte Klassiker wahre Verkaufserfolge verzeichnen und die Frage nach der besseren oder vielleicht der besten Version „mehr eine Geschmacks- als eine philologische Frage“ ist. Platthaus beschreibt an bekannten Beispielen die ewige Suche nach dem „richtigen“ Ausdruck unter Berücksichtigung der oft langen Zeit, die zwischen der einen und der anderen veröffentlichten Übersetzung liegt. In diesem Zusammenhang stellt sich der Autor auch die Frage, ob eine Übersetzung nur eine Gültigkeitsdauer von 10 Jahren hat. Die Flut von Neuübersetzungen, die allesamt begeistert vom Publikum angenommen wurden, zeigen, dass diese Frage berechtigt ist. Altvertraute Titel werden durch neue abgelöst („In Swanns Welt“ wurde zu „Unterwegs zu Swann“, aus „Schuld und Sühne“ wurde „Verbrechen und Strafe“, und die „Dämonen“ heißen fortan „Böse Geister“) und ungewöhnliche Wortfindungen der Klassiker erhalten neue, poetische Gewänder. Selbst bei nahezu legendärer Übersetzungsleistung gibt es scheinbar immer noch Platz nach oben. Sicherlich genießen hierbei die Übersetzer von Neuübersetzungen den Vorteil, dass bereits Vorarbeit geleistet wurde. Dennoch ist Aufwand und Arbeit nicht zu unterschätzen – auch und vor allem wegen der Notwendigkeit, bereits Übersetztes zu überprüfen. Mehrere Jahre Übersetzungsarbeit können sich die meisten Verlage nur leisten, weil es neben der großen Kaufbereitschaft der Kundschaft auch Förderprogramme gibt – durch den Deutschen Literaturfonds zum Beispiel, durch Stiftungen oder Übersetzungsinitiativen anderer Staaten. Und so liest man nun beim „Portrait des Künstlers als junger Mann“ von Joyce als letzten Satz: “Urvater, alter Kunstwerkmeister, leiste mir deine guten Dienste, jetzt und allezeit.“ In der bekannten Übersetzung von Reichert hieß es noch „Urvater, uralter Artifex, steh hinter mir, jetzt und immerdar.“ Scheinbar ein Übersetzerstoßgebet vor Beginn einer Neuübersetzung.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin | Korrektorat & Texte

Written by editor