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Der Marathonläufer

Der Marathonläufer

Haruki Murakami und der Nobelpreis

Auch in diesem Jahr gehörte Haruki Murakami zu den engsten Mitstreitern um den Literaturnobelpreis. Und auch dieses Jahr geht der Preis an einen Kollegen. Dieses Mal an den französischen Erzähler Patrick Modiano. Dabei sein ist alles? Murakami hält Jahr für Jahr bis kurz vor Schluss die Favoritenposition, nur um dann auf der Zielgeraden doch noch überholt zu werden. Da benötigt man den langen Atem eines Marathonläufers und vielleicht gibt Murakamis Roman „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ Aufschluss über seine Kondition als literarischer Sportler – oder sportlicher Literat? Für den jährlich stattfindenden Run um den Nobelpreis lebt Murakami die perfekten Leidenschaften: Schreiben und Laufen. Das verbindende Element dieser Tätigkeiten: Ihre Intensität. Beim Laufen holt sich der japanische Kultautor Kraft, Inspiration und vor allem Durchhaltevermögen. Auch kann er mit dem Laufen das viele Sitzen am Schreibtisch ausgleichen und mittlerweile nimmt er an Marathons, Triathlonwettbewerben und sogar Ultralangläufen teil. Laufen gehört zu den einsamsten Sportarten. Und Murakami beobachtet in seinen Büchern einsame Menschen, die in ihrem Leben etwas Wichtiges vermissen. So auch in seinem neuen Werk „Von Männern, die keine Frauen haben“. Sieben neue Erzählungen („long short stories“), die von versehrten, einsamen Männern handeln, denen etwas ganz Entscheidendes fehlt. In diesem Buch verzichtet Murakami gänzlich auf die mit ihm eng in Verbindung stehenden Fantasy-Elemente. Auch die Protagonisten, denen wir jetzt in diesem Erzählband begegnen, erleben lediglich Surreales, nichts Magisches, nichts Fantastisches. Literaturexperten wissen schon jetzt, dass auch dieses Buch dem japanischen Autor keinen Nobelpreis bescheren wird. Die Erzählungen sind wahrscheinlich zu still, zu einsam. Enthalten zu wenig „Welt“. In einer der sieben Erzählungen geht es um Murakamis dritte Leidenschaft: Die Musik. Oftmals besitzen die Protagonisten in seinen Geschichten einen Jazzclub, so, wie Murakami selbst einen besessen hat. Auch war die Musik für ihn immer eine Hilfe in einsamen Momenten. Literatur, Laufen, Musik… wer braucht da noch einen Nobelpreis?

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin | Korrektorat & Texte

Written by editor