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Gesetzestexte – Wie meinen?

Gesetzestexte – Wie meinen?

Die Bemühungen um lesbare Texte

Wer sich als Übersetzer mit juristischen Fachtexten und Gesetzestexten auseinandersetzt, weiß um die Kompliziertheit mancher Formulierungen. Um höchste Genauigkeit zu erreichen, müssen Übersetzer über vielseitige juristische Kenntnisse verfügen und sich oft Rat und Rückmeldung bei einem Juristen einholen. Spannend sind auch Begriffe wie Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz,

Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung oder Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (leider verzichtet Mecklenburg-Vorpommern mittlerweile auf dieses 63-Buchstaben-Gesetz). Da krempelt der Übersetzer entschlossen die Ärmel hoch und recherchiert oft stundenlang nach gleichen oder ähnlichen Verordnungen im Land der Zielsprache. Eine weitere Herausforderung sind die meist hochkomplexen Satzkonstruktionen mit schier undurchschaubaren Bezügen. Da fällt schon das einfache Lesen der Parlamentsbeschlüsse schwer, vom Übersetzen derselben ganz zu schweigen. Nun bemüht sich das Justizministerium um lesbare Texte. Zehn Sprachwissenschaftler sitzen am runden Tisch und „übersetzen“ Gesetzestexte. Auch die „Forschungsstelle Leichte Sprache“ von der Universität Hildesheim kommt hier wieder zum Zug. Ebenso der „Redaktionsstab Rechtssprache“ vom Bundesjustizministerium. Grundlage für die Arbeit dieser Einrichtung ist die Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien. Darin heißt es: “Gesetzentwürfe sind grundsätzlich dem Redaktionsstab Rechtssprache zur Prüfung auf ihre sprachliche Richtigkeit und Verständlichkeit zuzuleiten.” Man scheint sich der prekären Lage also bewusst zu sein. Bei der Prüfung gehe es vor allem um “logische Textstrukturen, eindeutige Regelungen, einen übersichtlichen Satzbau, knappe und kohärente Formulierungen, eine einheitliche Terminologie, aussagekräftige Überschriften und eine treffende Wortwahl”.  Aber wie kommt es dann zu den Bandwurmtiteln mancher Gesetze? Da könne man wegen der vielen formalen Vorgaben an die Titel der Gesetze leider nicht so viel machen, sagt Stephanie Thieme, Leiterin des Redaktionsstabs. Und so wird es trotz aller Bemühungen um verständliche Regeln vermutlich noch lange Gesetze geben wie das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Und den Übersetzern von Gesetzestexten und juristischer Fachtexte bleiben somit spannende Knobelaufgaben im Alltagseinerlei.

Christine Wolter | staatl. gepr. Übersetzerin | Korrektorat & Texte

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