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Drittstressigster Job der Welt

Drittstressigster Job der Welt

Konferenzdolmetscher im Adrenalinrausch

Alle 30 Minuten Pause? Klingt nach moderaten Arbeitszeiten. Doch der Job des Simultan-Dolmetschers ist wahre Knochenarbeit. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2007 ist der Beruf des Konferenzdolmetschers der drittstressigste Job der Welt. Gleich hinter Pilot und Fluglotse. Und der 30-minütige Arbeitsrhythmus hat beim Simultandolmetscher nichts mit fehlendem Durchhaltevermögen zu tun, sondern dient dem Schutz der Gesundheit: Bei längeren Dolmetscheinsätzen ohne Ablösung können physiologische Schäden am Gehirn entstehen. Ein Power-Job.

Dabei sind es nicht nur die 4 bis 6 Stunden, die der Dolmetscher gemeinsam mit einem Kollegen oder einer Kollegin in höchster Konzentration in der Kabine verbringt, in der das Mikro ständig auf „on“ ist und selbst das Einschenken eines Wasserglases verbietet. Es ist auch das intensive Eigenstudium, das den Dolmetscher auf die jeweilige Materie hundertprozentig vorbereiten muss. Denn sonst überraschen einen die Schweißnähte beim Feuerverzinken oder das Sintern der Knochenmasse bei Bandscheibenproblemen. Mir hat mal ein Doktor der Zahnmedizin versichert, dass die Simultandolmetscher auf Ärzte-Kongressen oft besser mit dem jeweiligen Thema vertraut sind als die vortragenden Experten– zumindest theoretisch. Und in seinen Worten klang tiefste Bewunderung mit.

Das Kabinendolmetschen ist nur etwas für starke Nerven. Keine Zeit für Korrekturen, für kleine Träumereien, ein kurzes Überlegen oder ein Niesen. Gesagtes ist gesagt und der nächste Zusammenhang wartet schon auf die korrekte Übersetzung. Das braucht viel Übung.

Und was, wenn der zu dolmetschende Redner Begriffe verwendet, die es in der Zielsprache nicht gibt? Insbesondere im internationalen Vertragsrecht gibt es oft länderspezifische rechtliche Zusammenhänge, die im Land der Zielsprache keine Anwendung finden. Da muss der Dolmetscher für den „Versorgungsausgleich“ schon mal eine rasche Umschreibung finden – während der Redner bereits auf das nächste Thema zusteuert. Selbst die Besten der Branche verlieren da schon mal den Faden – und wissen, was am besten hilft: Humor. Auf welcher Sprache auch immer.

 

Christine Wolter
staatl. gepr. Übersetzerin
Texte & Korrektorat      

Written by editor