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Das große Glück des Briefeschreibens

Das große Glück des Briefeschreibens

Wie geht es eigentlich dem literarischen Briefwechsel?

Fast jeder, der in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten eine Briefedition in der Hand hielt und sich mit den schriftlich festgehaltenen Gedanken, Philosophien, Liebesängsten und Prophezeiungen bekannter Literaten beschäftigt hat, wird sich die Frage gestellt haben, was zukünftig mit der literarischen Nische des Briefwechsels passieren wird. Wir, die mittlerweile vom Orthopäden attestierte Karpaltunnelsyndrome entwickeln, wenn mehr als eine DIN A4-Seite mit der Hand geschrieben wurde, stellen anhand unserer eigenen Gewohnheiten fest, dass postalische Briefe eine immer geringfügigere Bedeutung im alltäglichen Leben spielen. Was wird also aus diesem Genre, das uns einst Goethe, Walter Benjamin, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard und Peter Handke näher gebracht und Bereichen wie der deutschen Exilliteratur ein Gesamtverständnis ermöglicht hat? Die Frage ist schnell beantwortet: Jedes Jahr werden neue Briefeditionen auf den Markt gebracht. Und sie verkaufen sich zuweilen genauso gut wie Romane.

Und sie verändern sich.

Heutzutage werden Informationen zunehmend häufiger per E-Mail ausgetauscht. Und Verlage behandeln diese E-Mail-Korrespondenzen zwischen Verleger bzw. Lektor und Autor genauso wie einst die postalischen Briefe. Im Suhrkamp Verlag gilt die Regel, wichtige E-Mails von den und an die Autoren auszudrucken und zu archivieren. Wie zu früheren Zeiten die Briefe.

Der Literaturwissenschaftler Jan Bürger, selbst Herausgeber von Briefwechseln, glaubt sogar an eine Renaissance: “Das ist zwar nur eine These, eine Beobachtung als Archivar und aus dem persönlichen Umfeld: Aber ich bemerke, dass sich die Leute wieder mehr schreiben, per E-Mail. Natürlich gibt es die schrecklichen Mails mit zwei lapidaren Sätzen, aber auch das Phänomen, dass Menschen wieder richtige Briefe schreiben und mit diesem schnellen Hin und Her auch zu neuen Formen der Dialogizität kommen, die den Austausch inhaltsreicher und substanzieller machen.”

Kein Grund zum Kulturpessimismus also. Der Mensch korrespondiert. Und die Zwei-Satz-E-Mails können wir uns ja wieder abgewöhnen.

 

 

Christine Wolter
staatl. gepr. Übersetzerin
Texte & Korrektorat      

 
Written by editor